
Veranstalterikone Mario Soldo ist "back in fashion"
Wer sich über die Konstellation der österreichischen Modeszene in den Achtziger- und Neunzigerjahren schlau machen will, wird relativ rasch auf einen Namen stoßen: Sei es als Moderator bzw. "Moderateuse" der U-Mode von 1984 bis 1988, als Organisator der Galanacht der österreichischen Mode im Ronacher 1994 oder der Internationalen Modetage Wien/IMOTA zwischen 1996 und 2000, Mario Soldo war "someone to watch out for". Nachdem es eine Zeitlang in Dingen der Modeeventgestaltung etwas ruhiger um den wortgewaltigen PR-Profi und Agenturzampano geworden war, meldet er sich nun zurück. AUSTRIANFASHION.NET bat zum Gespräch.
In den frühen Achtzigerjahren, als nach dem Ende der Ära Adlmüller und mit Beginn der Gastprofessuren an der Universität für Angewandte Kunst gerade frischer Modewind durch die Stadt wehte, tummelte sich die Underground-Prominenz gerne im frisch eröffneten Club U4. An dieser besten Adresse des Wiener Nachtlebens werkte und wirkte an der Bar der junge "und damals gertenschlanke" Mario Soldo. Dort wurde er von U4-Gründer Ossi Schellmann ob seiner Eloquenz als Moderator von Clubabenden entdeckt; seine Feuerprobe war die Präsentation eines Sade-Konzerts 1984. "Alexis", so Soldos Bühnenname, machte seine Sache so gut, dass Schellmann ihn auch bei einem wenig später stattfindenden Modeevent auf die Bühne holte. Die U-Mode fand im Clubraum, also unterirdisch, an drei Tagen statt: Es gab Modeschauen und Mode zum Kaufen. Das Konzept einer B2C-Veranstaltung, wie es Schule gemacht hat und heute vielerorts anzutreffen ist.

Mario Soldo, Fotograf
Soldos erster Auftritt in den Niederungen der Mode war ein aus verschiedenen Gründen markantes Ereignis: "Zur ersten U-Mode waren völlig schrille italienische Modedesigner eingeladen. Als ich auf deren Kleiderstange ein irres Teil hängen sah, dachte ich mir: Das machst du jetzt, das nimmst du und moderierst im Fummel mit einer Perücke." Aus Alexis wurde Dame Galaxis, Wien hatte seine erste Drag Queen - und war sowohl um einen Modespielplatz als auch ein Szene-Original reicher. "Binnen Halbjahresfrist hat die U-Mode irrsinnig eingeschlagen. Jeder hat davon geredet: Underground Fashion, in Verbindung mit dem U4! Später waren auch Leigh Bowery und sogar John Galliano da - Galliano bei einer Show in Wien, das muss man sich einmal vorstellen", erzählt Soldo weiter. Aus dem Souterrain unter dem Club wechselte man bald auf ebenerdiges Niveau, später zog die Veranstaltung in den Messepalast um. Das Ende folgte auf dem Fuß: Angeblich aufgrund explodierender Lokalmieten wurde das Event 1988 eingestellt.

Dame Galaxis, mit Prominenz
Mario Soldo begann damals als Booker bei einer Modelagentur zu arbeiten und baute mit "Wilhelmina Wien Models" eine Franchise Agentur auf. 1992 gründete er die PR-Firma "Mario Soldo Enterprises" und wurde als Show-Veranstalter tätig. "Irgendwann Anfang der Neunzigerjahre kamen immer mehr Designer zu mir und fragten mich, warum ich denn nicht ein eigenes Event auf die Beine stellte." Herr Soldo ließ sich erweichen, und so gab es 1994 die "Galanacht der österreichischen Mode" im Ronacher, offenbar einen wahren Mode-Marathon: "Ich ließ das Parkett ausbauen und habe 30 Modeschauen an einem Abend gezeigt. Das Event hat dreieinhalb Stunden gedauert, und alle waren mit dabei: Aniko, Thang de Hoo, Modus Vivendi, Bobby Short, Atil Kutoglu, Nicole Adler mit ihrem Label Maccu Picchu..." Ein Blick in den Flyer der Galanacht vermittelt einen repräsentativen Querschnitt der Wiener Szene zu Beginn der Neunzigerjahre.

Flyer zur "Galanacht der österreichischen Mode"
Nach diesem Warm-Up und eineinhalb Jahren Vorbereitungsphase ließ Mario Soldo 1996 die Internationalen Modetage Wien steigen: Nach einem finanziell schwierigen Auftakt im Kursalon Hübner zog die Veranstaltung um ins MAK, "wo man mich mit offenen Armen empfangen hat". Für den aus Kroatien gebürtigen Mario Soldo bot sich mit der IMOTA auch die Möglichkeit einer sehr persönlichen Hommage: "Die ersten Internationalen Modetage hießen noch IMTW. Dann bin ich aber draufgekommen, dass sich das viel schöner und klingender IMOTA abkürzen lässt. Nun bin ich selbst in einem kleinen Städtchen in Dalmatien geboren, das Imotski heißt; und es gibt bei uns tatsächlich einen Wein, der Imota heißt." Es ist also nicht schwierig zu erraten, welcher Rebsaft bei der ersten IMOTA kredenzt wurde.

Flyer zur IMOTA 1997
"Ich habe insgesamt 100 Modeschauen bei der IMOTA gezeigt, davon 80 mit Labels aus Österreich. Manche Designer zeigten bei mir zum ersten Mal: Elfenkleid, Michèl Mayer, Edith A'Gay - das sind ja heute lauter relativ etablierte Labels", führt Soldo eine gewisse Kontinuität ins Treffen. Er habe sich auch stets darum bemüht, neue Talente zu fördern: "Ich habe immer wieder angesetzt, Designer zu unterstützen und bin an Firmen herangetreten, um sie zu überzeugen, dass sie Preise ausloben sollten. So wurde etwa der Diesel Creative Award von mir konzipiert, der an die kreativste Kollektion bei der IMOTA ging. Dann gab es noch den IMOTA-Award und den Modepreis der Stadt Wien. Alle, die danach kamen, haben teilweise meine Wege, meine Kontakte und mein Knowhow übernommen."

Mario Soldo, Partyveranstalter
Nachdem Soldo nach Berlin umgezogen war und es im Jahr 2000 noch eine in Wien und Berlin parallel stattfindende IMOTA gegeben hatte, waren die Modetage ein abgeschlossenes Kapitel für ihn. Er blieb an der Spree und kümmerte sich um die In-House-PR für die Galeries Lafayette. Seit Mitte der Nullerjahre zurück in Wien, und seit 2007 mit der Agentur "Mother Agency" neu aufgestellt, ist "der Mario" jetzt aber wieder bereit für modische Schandtaten aller Art. "Die letzten zwei Jahre habe ich genutzt, um eine Modellagentur aufzubauen und gute Leute zu finden, die auch international Zuspruch haben. Das ist mir gelungen, gottseidank, und der erste Fashion:Mob war gleichzeitig auch eine Agenturparty." Bei besagtem Fashion:Mob handelt es sich um ein neuartiges Präsentationsprinzip, das ohne das übliche Frontrow-Hickhack, ohne Berührungsängste und Elitismen auskommen will. Guerilla-Style, Kunst im öffentlichen Raum, Flashmob, Modenschau: das Komplettpaket.

Mario Soldo inmitten eines "Tableau vivant"
(inszeniert für das Wien Museum zur Ausstellung "Großer Auftritt")
"Ein Fashion:Mob ist angekündigt zu einer bestimmten Uhrzeit, man kann dorthin gehen, sich das anschauen, und dann wieder gehen. Es gibt keine Barrieren, und die Show findet im öffentlichen Raum statt." Ein interessantes Konzept und eine Idee, mit der Soldo, wie er meint, "schon zwei Jahre schwanger ging" - eine nicht uninteressante Alternative zu den qua Livestream immer virtueller werdenden Präsentationsformen im Internet. Etwas zu bestaunen, das die Illusion vermittelt, der Betrachter könne "hautnah" Mode miterleben: "Ich habe mich von dem Begriff der Mobilität inspirieren lassen, im Sinne von 'Mode im Einsatz' oder 'Mode direkt erlebt'. Der Betrachter steht direkt neben dem Model, wenn es vorbeigeht. Das Mode-Chichi rundherum fällt flach."

Erster Fashion:Mob mit Mode von House of Boing
Das Fehlen von Berührungsängsten, die Öffnung für ein größeres Publikum, das sei es, was man in Wien brauche, so der Eventprofi Soldo. Hier gehe es nämlich um anderes als in den echten Modekapitalen: "Wenn man eine Mailänder oder eine Pariser Modewoche kopieren möchte, braucht man einen Rattenschwanz an Einkäufern, der das Ganze zu einer B2B-Veranstaltung macht. Also hat man sich immer wieder entschlossen, das war bei der U-Mode so, bei der IMOTA, bei anderen, eine Publikumsmesse zu schaffen, um eine Sensibilisierung der Endverbraucher zu erreichen."
Mit dem nicht als Verkaufsevent konzipierten Fashion:Mob hat Mario Soldo die Weichen in eben diese Richtung gestellt. Immerhin lässt sich so neben dem interessierten Publikum auch eine - im wahrsten Wortsinn - "Laufkundschaft" erreichen. Auch wenn man nur einen Wimpernschlag lang Anteil an seiner langen Modeerfahrung genommen hat: Man ahnt, dass Soldos sprudelnder Ideenquell über dieses neue Präsentationsformat hinaus in der näheren Zukunft die eine oder andere Überraschung bereit halten könnte.
Tipp: Weitere Flashmobs sind für den Frühsommer geplant. Auf Facebook finden sich Informationen in der Fashion:Mob -Gruppe.
Bilder: beigestellt; Flashmob © Franz Morgenbesser
Text: Daniel Kalt
(Der Header paraphrasiert den Titel eines von Mario selbst verfassten Artikels, "Bist du der Mario?")
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