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Modeopfer oder Opfermode

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Die Macht der Mode im Kontext performativer Auseinandersetzung


Die Performance-Künstlerin Lena Wicke-Aengenheyster hatte Ende März 2011 im Wiener "WUK" eine Fashion Show der anderen Art initiert: 15 Künstlerinnen zeigten im Auftrag von STAATSAFFAIRE ihre Entwürfe zum Thema: Hose, Burka und Bikini. Heroic SOVEREIGN, verführt. Dass es dabei nicht vordergründig um Design geht, sondern auch Fragen nach Freiheit, Macht, (weiblicher) Unterdrückung und Souveränität verhandelt werden, wird schnell deutlich. Der Weg vom Burka-Selbstversuch über die Stehpinkelhose bis hin zur Modenschau und die alles entscheidende Frage: sind Klamotten jemals nur „just clothes“?


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Begonnen hat alles mit einem Selbstversuch: Lena Wicke-Aengenheyster wollte ob der im letzten Jahr anschwellenden Diskussion um Burkas, Khimars und Niqabs - wobei diese Begriffe in der Öffentlichkeit meist zu einem vermengt werden - frei von jeglicher Propaganda einmal selbst wissen, wie es ist, sich drei Monate verhüllt im öffentlichen Raum zu bewegen. Titel: „THIS IS NOT A BURKA! Just clothes.“ Natürlich, und das war von Beginn an klar, ließ sich diese neutrale Herangehensweise nur in der Theorie herstellen: Im Praxistest zeigten sich schnell Reaktionen zwischen völligem Unverständnis und skeptischem Interesse.


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THIS IS NOT A BURKA! Just clothes (c) Peter Mayr
 

Unabhängig von politischer Zuschreibung führte die Auseinandersetzung der Künstlerin schnell zum eigenen Körper und der Frage, was Kleidung mit ihm macht. „Ich habe beobachtet, dass sich das Verhältnis zu meinem Körper total verändert, unter dem Gewand herrscht eine absolute Privatheit, niemand kann mich abschätzen, ich kann mich jederzeit am ganzen Körper anfassen und gleichzeitig hat man durch den Stoff plötzlich eine ganz andere Kraft.“, sagt Lena Wicke-Aengenheyster , “Zum anderen war da der rein praktische Aspekt: Man steht auf, zieht das Ding über und ist total gedressed. Und es bestimmt in keinster Weise deine Bewegung oder Haltung im Gegensatz zu High Heels, Push Ups oder Minirock.“ 


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THIS IS NOT A BURKA! Just clothes (c) Peter Mayr 


Es ist freilich schwer bis nahezu unmöglich, solch ein Kleidungsstück jenseits seiner mitschwingenden Besetzung von Unterdrückung und Macht als rein praktikables Gewand zu betrachten. Aber genau darum ging es und genau dieser Weg ermöglichte einen etwas anderen Blick auf die vermeintlich so freie westliche Mode. Beim Beobachten einiger Jugendlicher in kurzen Tops, Push Ups und hautengen Jeans hatte die Künstlerin nicht den Eindruck von Glück und Freiheit. „Wir haben eine ganz andere Form von Repression, eine viel perfidere. Die Frauen haben den Eindruck, sie können alles selbst entscheiden, stecken aber in einem Umfeld  einer medialen Repräsentation des Schönheitsideals, des Schönen und des Erfolgreichen. Klar entscheidet man selbst, sich zu rasieren, den Busen zu vergrößern, abzunehmen.. aber wie frei ist das? Das ist eine ganz andere Form von konkreter Gewalt am Körper.“


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Integrationsburka von Andrea Reisinger


Und da es für Wicke-Aengenheyster uninteressant ist Bekanntes und für schlecht oder unpraktikabel Befundenes nur anzukreiden, sollten Alternativen geschaffen werden. Das erste Projekt: das Designen einer Stehpinkelhose für Frauen. Nachdem sie einen Bildband verschiedener Frauen in grotesken Posen beim Pinkeln gesehen hatte, wollte sie Abhilfe schaffen. Das immer mitschwingende Thema: Souveränität am Körper war geboren. Dazu fragte sie bei jungen Modedesignerinnen an, jeweils eine Stehpinkelhose zu entwerfen; Verkauf und Produktion waren ebenfalls schon geplant. Nach anfänglichem Interesse jedoch sprangen alle aus Zeitmangel ab. Lena vermutet darüber hinaus noch anderes: „Ich habe auch gehört: es ist zwar ‘ne super Idee, aber eben nicht meine eigene. Das bringt mir nichts, das passt nicht in mein Label. Sehr Schade!“


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Mutiger und engagierter waren dann die gefundenen Frauen aus dem Bereich der bildenden Kunst, die ihre Modelle schließlich auch selbst auf dem Laufsteg präsentierten, um sie danach frisch von Körper (statt von der Stange) ans Publikum zu verkaufen. Auch das ein bewusst gesetzter Aspekt um die Frage nach den Zusammenhängen zwischen Kunst und Mode, zwischen Produktion und Prostitution im Künstlerdasein. 


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XXY von Tamara Hauser


Das Programm versprach: „Die fashion show der heroic sovereigns untergräbt Modeklischees und lässt Diskussionen um die Burka in neuem Licht erscheinen. Hier und Jetzt – aufgewachsen in Minirock und Bikini, hineinwachsend in Schlankheitskur und Schönheitsoperation erscheint die Idee der Verhüllung als provokante Geste der Befreiung. Welcher Mode bin ich Opfer, welche Mode bin ich Herr?“


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Discopinkelhose von Zsuzsanna Iszlay, More Hair – Less Shame von Tante Karl, Wanda von Johanna Fléchaires


Herausgekommen sind einfallsreiche Reisverschlusseinsätze und Zugbänder für Stehpinkelhosen, provokante Burkas und Bikinis. Andrea Reisinger zum Beispiel hat mit ihrer „Integrationsburka“ Dirndl und Burka vereint, Spitze statt Schleier, Schürze statt Rock und untendrunter sogar noch eine Stehpinkelhose. Auch Tamara Hausers „XXY“ Modell hat das Publikum überzeugt, zu tragen als Overall mit Zugband im Schritt. Andersherum angezogen wird der Schritt zum Halsausschnitt und der Overall zum Kleid. Zsuzsanna Iszlay hat mit „Disconight“ Praktisches mit Glamour verbunden, ein um die unten geschlitzte Hose gewickelter Paillettenstoff verspricht den großen Auftritt ohne Notdurftsprobleme. Und Tante Karl hat unter dem Motto „More Hair – Less Shame“ ganz einfach goldene Fransen(„haar“)büschel an die Stellen eines Badeanzugs angebracht, wo sonst nur glatte Haut hervorlugt.

Insgesamt natürlich eher ein politisch konnotierter, performativer Akt als eine lupenreine Fashion Show. Aber es ist gelungen, die richtigen Fragen zu stellen und das Verhältnis zwischen Körper und Kleidungsstück hochironisch mit ernstem Hintergrund durcheinander zu wirbeln. Egal, für was wir uns entscheiden, „just clothes“ sind es am Ende nie.



Text: Anne Zimmermann

Bilder: Startbild (c) Dario Srbic, artwork: susanneschuda.net
alle Fotos der Präsentation im WUK (c) Lena Linse


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