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Neue Stofflichkeiten

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Interview mit Designerin Sonja Bäumel im Rahmen der Ausstellung "Synth-ethic" im NHM

Es klingt nach dem Plot eines Science Fiction Films: Lebende Organismen werden nicht mehr nur modifiziert, sondern von Grund auf neu konstruiert. Ihr Wesen wird in Versuchen durch den Menschen mitbestimmt. Es geschieht durch das grundlegende Entwerfen von Gen-Systemen die in einen Empfänger-Organismus implantiert werden. Dieser diffizilen Aufgabe widmet sich die Synthetische Biologie als Wissenschaftsdiszplin, die ihr Dasein im hermetisch abgeriegelten Labor satt hat und beschloss Brücken zur Kunst und Kultur zu schlagen: "Synth-ethic: Art and Synthetic Biology" heißt die Ausstellung die im zweiten Stock des Naturhistorischen Museum in Wien bis 26. Juni 2011 zu sehen ist. 

Die Ausstellung "Synth-ethic" vereinigt tatsächlich die Kapazunder der Bio-Künstler-Szene die sich intensiv auf das Wechselspiel von Kunst und Synthetischer Biologie eingelassen haben. Die Ausstellung beschäftigt sich mit menschlichen Erfindungen im Bereich der Biotechnologie und nimmt auch die daraus entstehende Verantwortung wahr. 


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Roman Kirschner "Roots" (c) Roman Kirschner


So zeigt Roman Kirschner mit seiner Arbeit "Roots" eine natürliche Skulptur als sich selbst regulierendes System in einem Aquarium. Durch zarte Fäden werden Stromstöße geschickt, der Effekt verblüfft: ein sich selbst formender und immer wieder zusammensetzender Kristall schwimmt wie eine Qualle durch den Glasquader. 


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Andy Grazie "Autoinducer_Ph-1" (c) Andy Grazie


Die Arbeit "Autoinducer_Ph-1" von Andy Grazie ist ein ambitioniertes semi-synthetisches Ökosystem, das sich mit nichts Geringerem als der Frage beschäftigt, wie aus der evolutionären Adaption natürlicher Organismen künstlich geschaffene, aber lebende Entitäten entstehen könnten.


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Tuur van Baalen "Pigeon d'Or" (c) Tuur van Baalen


Tauben füttern im Park war gestern, denkt sich hingegen der belgische Künstler Tuur van Baalen, der es in Wien und Venedig noch sehr weit bringen könnte: In Zusammenarbeit mit James Chappell entwickelt er ein neues Bakterium, dass unseren "fliegenden Ratten" gut bekommt und ihre Fäkalien endlich in biologisch abbaubare Fensterseife verwandelt. Das Projekt befindet sich noch im Entwicklungsstadium. 


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Film des Festivals: Still aus "Secret Machine" von Reynold Reyn


Den Auftakt zur zeitgleich startenden Ausstellung stellte im NHM das Science, Art & Film Festival "Bio:Fiction" dar, das mit Wissenschaftsgesprächen und mehreren Filmscreenings über die Bühne ging. Einige in der Ausstellung vertretene Künstler zeigten in diesem Rahmen auch Filmarbeiten die ihre ausgestellten Objekte begleiteten. Für das weltweit erste Filmfestival zum Thema Synthetische Biologie wurden aus 130 Kurzfilmen insgesamt 52 Kurzfilme ausgewählt. In Wien galt es am 14. Mai 2011 einen Siegerfilm zu küren.
 
Gewonnen hat den "Bio:Fiction Award" in der Kategorie Fiction die österreichische Designerin Sonja Bäumel mit ihrem Kurzfilm "(In)visible", die mit "Synthetische Biologie" sogar noch einen zweiten Film im Wettbewerb gehabt hatte. Dieser zweite Film entstand in Zusammenarbeit mit Uwe Sleytr und Camillo Meinhart.


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Sonja Bäumel

Sonja Bäumel pendelt in ihren Arbeiten zwischen Kunst, Mode, Design und Wissenschaft. Bäumel die sich intensiv mit dem menschlichen Körper und seiner unsichtbaren Hülle als Ausgangspunkt beschäftigt, arbeitet als Designerin im Spannungsfeld zwischen Mikrobiologie und Stofflichkeit. Vom NHM ist sie höflich eingeladen worden, ihre neueste - in Kollaboration mit Erich Schopf entstandene - Arbeit "Kartografie des menschlichen Körpers" im Umfeld der Ausstellung "Synth-ethic" zu zeigen.
 
Sonja Bäumel war nach ihrem Abschluss an der Modeschule Hetzendorf in Österreich jahrelang als eine Angestellte der Mode-Industrie maßgeblich für Trend Research zuständig. Im Anschluss absolvierte sie an der Kunstuniversität Linz den Bachelor of Arts, bevor sie mutig die Zelte abbrach, um in den Niederlanden studieren zu gehen. 2009 machte Bäumel ihren Abschluss an der von internationalen DesignstudentInnen heiß begehrten Design Academy Eindhoven, zog von dort weiter nach Brüssel und schließlich wieder nach Wien, um sich als freie Designerin zu behaupten. Im Vorjahr erhielt die 1980 in Wien geborene Designerin ein START-Stipendium des bmukk.
 
AUSTRIANFASHION.NET traf Sonja Bäumel zum Gespräch, nachdem sie im Ernst Haeckel Saal des NHM ihren Vortrag über "DIYBio: facts and fiction" vor interessiertem Publikum absolviert hatte.

Frau Bäumel, was machen Sie als Designerin bei einer Veranstaltung die wie ein Wissenschaftlerkongress über Synthetische Biologie wirkt? 

Darüber reden, wie ich mit den aktuellen Ergebnissen der Wissenschaft umgehe und was ich daraus mache. Fragen stellen und keine voreiligen Antworten geben. Kommunikation ist in diesem vielleicht exklusiv wirkenden Wissenschaftlerkreis das Um und Auf und ich freue mich sehr darüber, hierher eingeladen worden zu sein. 


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Sonja Bäumel: Crocheted Membrane, 2010 (c) Winnie Kwok


Worüber haben Sie genau referiert? 

Ich habe in meinem Vortrag anhand zweier Arbeiten meinen Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen erläutert. Was mich an Biologie fasziniert, ist zum Einen das Spiel von Wachstum, Wandel und Zerfall, für den die Natur als Urbild steht; zum Anderem gefällt mir der Aspekt, dass das Leben als Medium meiner Arbeit, auf gewisse Weise magisch wirkt, da es unkontrollierbar und unregelmäßig ist. 

Was kann Mode im Zusammenhang mit Mikrobiologie bewirken?

Mode ist eine visuelle Sprache die die Wissenschaft bereichert, weil sie dabei hilft, Informationen aus dem Labor in die Welt zu tragen. Sie ist für mich eine absolut gängige Möglichkeit, Wissenschaft zu verdeutlichen. Wir tragen drei bis vier Kilogramm Bakterien in und auf unserem Körper. Bis vor kurzem haben sich Mikrobiologen und Ärzte nur mit jenen 50-100 Protagonisten der Bakterienwelt auseinandergesetzt die Krankheiten verursachen. Die Anzahl gutartiger Bakterien liegt jedoch viel höher: Mindestens 2000 verschiedene Bakterien leben in den humiden Regionen des menschlichen Körpers - und es könnten noch mehr sein. Sie verdauen unser Essen, sie produzieren unsere Vitamine und sie kümmern sich als Teil unseres Immunsystems darum, krankheitserregende Bakterien abzuwehren.  


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Sonja Bäumel und Erich Schopf: Kartografie des menschlichen Körpers, 2011 (c) Sonja Bäumel


Was haben Bakterien mit Mode zu tun?

Seit zehn Jahren wissen Mikrobiologen, dass Bakterien mit einer chemischen Sprache mittels Molekülen kommunizieren. In meinen Arbeiten geht es um eine Schicht die ich auf den Körper quasi als zweite Haut auftrage. Für sich genommen, ist diese Schicht ein autonom lebendes System auf unserer Haut. Ich arbeite als Designerin daran, dass Fiktives zu Faktischem wird und stelle die damit verbundenen Fragen: Was wäre wenn sich diese zweite Schicht an äußere Umstände flexibel, autonom und lokal anpassen könnte? 

Was würde das für die Mode bedeuten?

Unsere Haut könnte mit dieser zweiten Schicht eine Kommunikationsschicht aufbauen, die die Sprache der Bakterien erkennen und interpretieren würde. Diese zweite Schicht wäre kein neuartiges Textil, sondern ein komplett neuer Stoff, mehr sogar: eine autonom sich regulierende Stofflichkeit. Wir würden womöglich unserer neuen Kleidung aus dieser Stofflichkeit mehr Bedeutung schenken, wenn sie tatsächlich imstande wäre, sich authentisch an lokale Umstände anzupassen. Rückwirkend würden wir durch Funktionen und ästhetische Vielfalt unserer neuen Kleidung von den individuellen Farben, Formen und Strukturen selbst stärker inspiriert werden.  

Reichen Ihnen die derzeitigen Farben und Formen der Modeindustrie nicht?

Ich finde, dass die Trendforschung nicht für den Menschen gemacht wurde, sondern nur für die Industrie, in deren Dienst sie steht. Trendforschung schreibt den großen Labels apodiktisch vor, was bald angesagt sein wird und was nicht. Das sind keine Prophezeiungen, sondern mehr oder weniger verbindliche Vorschriften von einzelnen einflussreichen Personen, an die man sich als Label dann besser zu halten hat, wenn man nicht vorhat, Pleite zu gehen. Das ist eigentlich schon fast obszön, weil da geht es schon lange nicht mehr um den Einzelnen. 


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Sonja Bäumel: (In-)visible Membrane, 2010 (c) Sonja Bäumel


Es gibt aber schon auch mehr als die große Modeindustrie...

Alle neuen Materialentwicklungen, wie in Textil eingebettete Solarzellen oder Kleidung mit integrierter Körpercremen, sind durch ihre Ästhetik und Funktion bis zu einem bestimmten Grad determiniert. Ein offenes, lebendes System hingegen könnte flexibel auf Veränderungen reagieren und schneller adaptieren. Mode zelebriert heute nicht den physikalischen und sozialen Körper, sondern die Konformität von Moden. Ich denke unsere zweite Haut sollte durch unsere individuellen körperlichen und sozialen Bedürfnisse sowie durch unseren eigenständigen Glauben anstatt von einem Meinungsmonopol bestimmt werden.

Was für eine Mode schwebt Ihnen vor?

Ich will Objekte kreieren die frei sind von determinierten Definitionen, frei von historischem Kontext und von Informationen über soziale Hierarchie. Die Objekte sollen eine Geschichte über uns Menschen erzählen, über unser gegenwärtiges Empfinden, unsere Fragilität, unsere Ängste und unsere Freuden. Wenn wir uns zu allererst ein Körperbewusstsein schaffen und dann die Bakterien auf unserer Haut nutzen, kann das zu einer authentischeren, lokalen Gemeinschaft in Kleidung mit mehr Bedeutung führen.


 

Film von Sonja Bäumel prämiert mit dem "Bio:Fiction Award" in der Kategorie Fiction  


Wie sieht das dann bei Ihren Arbeiten aus?

Meine Vision gilt vier Schichten die ich in der Arbeit "(In)visible" als Film realisiert habe und der hier beim Festival im Wettbewerb läuft. Die erste Schicht sind unsere existierenden Hautbakterien. Die folgende Schicht wäre eine künstliche, lebende Kommunikationsschicht, die die Information unserer individuellen Hautbakterien aufnehmen könnte. Würden wir hier aufhören, wäre ein wichtiger Faktor vergessen: die Umgebung. Ich machte mich in der Folge auf die Suche nach einem in der Natur vorkommenden Organismus, der flexibel auf Umwelteinflüsse reagieren kann: den Schleimpilz.

Was macht dieser Schleimpilz?

Schleimpilze sind wandelbare Künstler. Sie nutzen Strategien der Pflanzen und Tierwelt, um sich fortzubewegen und zu vermehren. Wenn Trockenheit anbricht, verändern sie die Struktur und Farbe und gelangen in ein Stadium zwischen Leben und Tod. Wenn es dann wieder zu regnen anfängt, erwacht der Pilz, verändert erneut Form und Farbe und lebt weiter. Ich bin der festen Überzeugung, dass man von diesen natürlichen biologischen Funktionen und Systemen lernen und sie durch künstlich erschaffene biologische Systeme und Funktionen an unseren individuellen Körper anpassen könnte. Sowie genauso gut Schichten geschaffen werden könnten, die uns neue Möglichkeiten von Interaktion mit anderen Menschen und der Umgebung bieten.


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Sonja Bäumel: (In-)visible Membrane, 2010 (c) Sonja Bäumel


Was leiten Sie daraus ab?

Ich will in meinen Projekten keine Referenzen zu beispielsweise bestehenden Definitionen von Körper, Mode oder Schönheit zulassen, um die Möglichkeit zu haben mich an die Essenz der Dinge heranzutasten, sie auszuschöpfen und um vermeintlich bestehende Fakten hinterfragen zu können. Der Film endet schließlich mit Pflanzen die aus der menschlichen Haut wachsen und einen Menschen, der unter Wasser atmen kann. Das ist für mich das höchste Gut: eine Utopie als Inspiration für neue Möglichkeiten.




Ausstellungstipp:
 
"synth-ethic"
Naturhistorisches Museum Wien
Bis 26.06.2011



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