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Faszination Vintage

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Im Stil vergangener Zeiten

 


Michaela Amort unterhielt sich für AUSTRIANFASHION.NET mit Expertinnen aus verschiedenen Disziplinen über den anhaltenden Vintage-Trend und die Faszination für Kleidung aus vergangenen Zeiten.

 

Schuld ist Julia Roberts. Als sie nämlich 2001 den Oscar für ihre Hauptrolle im Film Erin Brockovich entgegen nahm, trug sie nicht etwa die neueste Kreation eines angesagten Couturiers sondern ein mehr als zwanzig Jahre altes Kleid, einen Klassiker aus dem Hause Valentino. Cleverer PR-Schachzug des italienischen Unternehmens Valentino oder geniale Styling-Idee, um sich vom Rest der glamourösen Menge abzuheben? Wie dem auch sei – das denkwürdige Ereignis gilt allgemein als Beginn eines anhaltenden Vintage-Trends.


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http://www.youtube.com/watch?v=ZV0YbYECU7A

 

„Dass dieses Kleid so einschlug, verwundert nicht, denn bereits 1997 hatte Kim Basinger in L.A. Confidential eine sehr beeindruckende Auftrittsszene in einer schwarz-weißen Abendrobe. Ein schwarz-weißes Kleid erinnert an die Zeiten der großen Stars der dreißiger und vierziger Jahre, als es noch keinen Farbfilm gab und die Diven perfekt ausgeleuchtet in schwarz-weiß das Publikum faszinierten. Die Roben in schwarz-weiß schließen an diese Tradition an und binden die Stars von heute mit dem Glanz und Glamour vergangener Zeiten.“ So Monika Seidl, Wissenschaftlerin im Fach Cultural Studies und Professorin an der Universität Wien (Institut für Anglistik und Amerikanistik).  

Die Inszenierung von Stil und Klasse ist zweifellos Teil des Jobs in Hollywood, und da kann ein bisschen historische Verankerung nicht schaden. Doch auch abseits des Red Carpets spielt das modische Eintauchen in Geschichte wieder eine tragende Rolle. Flohmärkte als schicke Party mit DJs, Swap-Events, Upcycling Workshops, neue Vintage- und Secondhand Shops – wie lässt sich das blühende Interesse an älterer Mode erklären?

Johanna Suryanto, die 2009 zusammen mit Stephanie Cech den Wiener Backyard-Sale gründete, meint dazu: „Man trägt Kleidung aus verschiedenen Ländern bzw. von verschiedenen Labels und ist dadurch Teil ihrer Geschichte. (...) Dadurch bekommt Mode eine nostalgische Facette, denn man besitzt quasi ein Stück Geschichte.“ Mit ihrem temporären Konzept verfolgen Suryanto und Cech mehr als „nur“ verkaufen. Das Publikum soll eine gute Zeit haben und sich mit Musik und Kulinarik in hipper Location wohlfühlen. Seit kurzem haben die beiden mit dem Backyard-Store auch eine fixe Adresse in der Wiener Kirchengasse.

Wiens Pionierin in Sachen Vintage, Ingrid Raab kann seit einigen Jahren ebenfalls eine deutlich steigende Nachfrage in ihrem Geschäft Flo verzeichnen. Seit 33 Jahren bietet sie in der Schleifmühlgasse hochwertige Mode aus den Jahren 1880 bis 1980 an, stellt allerdings fest, „dass die Wienerin eine vorsichtige Vintage-Kundin ist. Es passiert mir immer wieder, dass Leute - von meinen Auslagen angelockt - mein Geschäft betreten und glauben, ich hätte neue Mode. Der Begriff Vintage ist vielen fremd. Erst nachdem ich  erklärt habe, was Vintage bedeutet, wird das Interesse so richtig geweckt. Dann muss ich aber auch noch den Unterschied zwischen Secondhand und Vintage nachsetzen.“

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Ingrid Raab in ihrem Geschäft FLO Vintage - Nostalgische Mode in der Schleifmühlgasse 15a

Wie definiert sich also Vintage? Ursprünglich bezeichnete das englische Wort ‚vintage’ den Ertrag, den ein Weinberg abwarf. Allerdings kam es bereits im 17. Jahrhundert zu einer Einengung des Begriffs auf seltenen und guten Ertrag eines Weinbergs. Damit bekommt ‚vintage’ die Aura des Besonderen, was dem Wort auch bleibt,“ weiß Monika Seidl.
Im engeren Sinn bezeichnet der Begriff hauptsächlich Designer- oder – noch besser – Couturekleider, die vor 1980 gefertigt wurden. Zu den begehrtesten gehören dabei laut Kolumnistin und langjähriger Trendbeobachterin Isabella Klausnitzer „(...) Kreationen von Designerikonen wie Schiaparelli, Grès, Jeanne Lanvin, Cristobal Balenciaga, Halston, aber zum Beispiel auch Originale von Helmut Lang. In diesem Fall dürfen sogar die 80er noch als Vintage durchgehen. Echte Vintagekleidung wird im Gegensatz zu Secondhand im Laufe der Jahrzehnte immer wertvoller und erzielt beim Verkauf das Vielfache ihres Neupreises.“

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Alter, Zustand, Seltenheit, Originalität und Nachfrage machen – ähnlich wie bei Antiquitäten – den Marktwert eines Kleidungsstücks aus, aber nur spezielle, museale Stücke erzielen Toppreise. So wechselte etwa ein Kleid aus Aluminiumplättchen von Paco Rabanne, ein rares und zur Entstehungszeit revolutionäres Schlüsselwerk des Designers aus den späten 60er Jahren, 2008 bei Christies um fast das Doppelte des Schätzwertes, nämlich 24.900 US Dollar seine Besitzerin. Die insgesamt 250 Teile der Auktion kamen allesamt aus dem Hause Resurrection, neben Decades einer der wichtigsten US-Adressen für Luxus Vintage Fashion.

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Screenshot http://www.decadesinc.com

Abseits solcher Museumsstücke verläuft die Grenze zwischen hochwertiger alter und jüngerer Kleidung aus vergangenen Saisonen oft fließend, und der Ausdruck Vintage mag mitunter auch zur Aufwertung eher mittelmäßiger Ware eingesetzt werden. Aber was nicht Vintage im strengen Sinne ist, muss noch lange kein Ramsch sein. Denn das Besondere und der Hauch der Geschichte finden sich oft auch in erschwinglichen Teilen, man schlüpft damit quasi  „(...) in die Haut einer Anderen. Mit dem Kleid, das einer Anderen gehörte und von einer Anderen getragen wurde, tauchen wir auch in das Geheimnis eines anderen Menschen, das wir natürlich nicht lüften werden, das aber trotzdem im Kleid hängt. Das Kleid wird so im wahrsten Sinne des Wortes vielfältiger. Es hat schon einmal jemand anderem gestanden,“  sagt die durch zahlreiche Vorträge bekannte Literaturwissenschaftlerin und Professorin an der Universität München Barbara Vinken.


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New Arrivals bei Fräulein Kleidsam


Als weiterer wichtiger Aspekt ergibt sich dabei auch die Differenz zu überall gleich aussehender Fast-Fashion: „Gerade in Zeiten eines ‚uniformierten Modebewusstseins’, das durch große Modeketten bestimmt wird, ist Charakter und Persönlichkeit mehr gefragt denn je. (...) Individualisten aus allen Ländern bestimmen einen Gegentrend zu der Konsumgesellschaft der Massenwaren. (...) Vintage ist ein Gegenpol zu der Wegwerfgesellschaft,“ ist Ursula Wagner, Betreiberin Vintage Pop-Up-Stores Fräulein Kleidsam überzeugt.


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Secondseconds

Auch Karin Wunderlin, die von der Schweiz aus unter dem Namen Secondseconds ein Sortiment an gebrauchten Accessoires, Schmuck aber auch kleinen Gebrauchsgegenständen wie Keksdosen ausschließlich online anbietet, weist auf den Aspekt der Nachhaltigkeit als Kaufmotiv bei ihrer Kundschaft hin: „H&M kopiert schon alles, da will die Frau lieber individuell bleiben, ein bisschen Fantasie zeigen. Umweltschutz passt ja auch.“
Ganz ähnlich sieht das Monika Seidl: „Flohmarkt, Second Hand und Vintage verweigern sich auch der Wegwerfgesellschaft sowie der ethisch nicht einwandfreien Produktion in fernen Ländern, mit der Modeketten häufig in Verbindung gebracht werden. Getragenes wieder zu tragen, gibt einem möglicherweise das Gefühl, sich dem neoliberalen Markt entzogen zu haben.“

Mit dem Bedürfnis nach dem Individuellen und Nachhaltigen erlangt überdies der Begriff des Connaisseurs neue Aktualität. Kundinnen sind meist Sammlerinnen, und wer sammelt ist bis zu einem gewissen Grad „eingeweiht“ und signalisiert diese Kennerschaft durch die Art sich zu kleiden. Oder wie Isabella Klausnitzer meint: „Vintage suggeriert, ich habe Stil, Geschmack, hohes Insiderwissen, kenne mich aus und verfüge über eine Prise modischen Charme. ‚Alles neu und immer im Trend’ outet einen hoffnungslosen follower of fashion. Stil lässt sich mit keiner Kreditkarte der Welt kaufen, Ta’am (jüdischer Ausdruck für Stil und Geschmack) ist keine Handelsware.“
Statt sich also vergleichsweise passiv einer beliebigen Selbstbedienungs-Maschinerie auszusetzen, begeben sich Wissende lieber aktiv auf Schatzsuche: „Ein Vintagekleid muß man suchen, und man muß Glück haben, es zu finden. Der Zufall, das Jagd- oder das Sammlerglück spielt eine viel größere Rolle und steht im Gegensatz zu dem Zuhandensein des Marktes, auf den je nach Geldbeutel einfach zugegriffen werden kann. Allein das Kaufen des Stücks wird schon zum Abenteuer.“ So formuliert es Barbara Vinken. Und weiter: „Vielleicht ist es mit Kleidern so wie mit Weinen: ihren betörenden Charme, ihre unwiderstehliche Eleganz entwickeln sie erst, wenn sie Jahre angesammelt haben, im Nachhinein. Sie verströmen dann den Duft einer anderen Zeit."


 


Text: Michaela Amort

Mit herzlichem Dank an meine Interviewpartnerinnen: Ingrid Raab, Isabella Klausnitzer, Monika Seidl, Johanna Suryanto, Barbara Vinken, Ursula Wagner, Karin Wunderlin.

Michaela Amort arbeitet als Marketingexpertin und bloggt über Mode auf Tschilp.com
Startbild: Kleid und Hut bei FLO, Clutch bei Fräulein Kleidsam


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  Comments (1)
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Written by Fr.Jona&son, on 03-11-11 19:12
Danke für den tollen Artikel.  
Vintage ist kein Einzelschicksal mehr sondern sickert schön langsam in die Mehrheitsgesellschaft. Freut mich :-)

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