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Around the Corner

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Ein Interview mit Josef Voelk



Die Berliner Concept Store The Corner übt auch weit über die Grenzen seines Standorts eine große Anziehungskraft auf eine internationale Klientel aus. Hinter dem Konzept stecken Josef Voelk, ein gebürtiger Österreicher, und sein Geschäftspartner Emmanuel de Bayser. Als bislang erstes österreichisches Magazin bat AUSTRIANFASHION.NET Josef Voelk zum Gespräch.


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Portrait, Josef Voelk


Wie sind sie eigentlich zur Mode gekommen? Sie haben Betriebswirtschaft und Kunstgeschichte studiert, später Fremdsprachen. Dann haben Sie lange im Theater- und Filmgeschäft gearbeitet, unter anderem für Luchino Visconti.


Ich bin seit mehr als 45 Jahren aus Österreich fort und war hauptsächlich in nicht-deutschsprachigen Ländern wie Italien, Frankreich, England und den USA. Diese Geschichte mit der Mode kam eigentlich spät. Ich war schon 44 Jahre damals, lebte in Los Angeles, und habe dann angefangen für Armani zu arbeiten. Vorher hatte ich an verschiedenen Orten gelebt.  Natürlich kannte ich viele Leute aus dem Fashionbusiness, wie Yves Saint Laurent und Pierre Bergé, Diana Vreeland, Loulou de La Falaise etc. Und eine sehr gute Freundin, Marina Schiano, war damals Präsidentin von Yves Saint Laurent in Amerika und hat mir den Kontakt zu Armani verschafft, der jemanden suchte, um den Vertrieb an der amerikanischen Westküste aufzubauen. Ursprünglich war das für mich nur als eine Übergangslösung geplant. Daraus hat sich aber eine 12 Jahre dauernde, intensive Zusammenarbeit entwickelt.
Damals war Hollywood sehr viel versprechend: An der amerikanischen Westküste etablierte sich gerade das ganze Star- und Oscar-Dressing. Gewisse Schauspieler wurden  zur "spokesperson" für bestimmte Designer und durch meine berufliche Vergangenheit im Filmgeschäft hatte ich sehr gute Kontakte zum Showbusiness. Ich habe mit meinem Team dort sehr erfolgreich für Armani gearbeitet. Ich glaube, dass er heute noch davon sehr profitiert. Später kam ich für Armani nach Europa und habe als Geschäftsführer den deutschen Markt aufgebaut.

Sie haben viele verschiedene Dinge gemacht. Was hat dazu geführt, dass Sie so lange bei Armani geblieben sind?

Eigentlich bin ich ein Kind der 60er und 70er, da gab es dieses Karrieredenken noch nicht. Es gab 100.000 Möglichkeiten und ich sah das Leben eher wie ein Abenteuer.
Als ich später bei Armani anfing, habe ich mich mit Giorgio selber sehr gut verstanden, es hat sich eine sehr persönliche Freundschaft entwickelt. Nach Mailand wollte ich nicht, sondern war ganz glücklich, dass ich die Firma aus Los Angeles aufbauen konnte. Das Label war eben auch eines dieser Konglomerate wie Calvin Klein, Dolce & Gabbana, Prada, GUCCI und Louis Vuitton etc. Es fing alles in dieser Zeit an, es war die erste große Demokratisierung des Luxus. Es wurde plötzlich einer sehr breiten Masse zugänglich. Natürlich ist die Zugehörigkeit zu solchen Marken mit starker Identität wie eine Art Gehirnwäsche.


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The Corner Berlin East


Trotzdem haben sie sich dann irgendwann neuen Zielen zugewandt.

Ich kümmerte mich ja nicht nur um die Läden, sondern auch um Marketing, Promotion und PR. Aber ich schaue mir die Mode nicht nur unter dem Aspekt des Kommerz, sondern auch aus einer Freude am Ästhetischen an. Ich muss die Dinge, mit denen ich Geld verdiene, schon lieben, um richtig involviert zu werden.
An einem bestimmten Punkt ist mir bewusst geworden, dass ich jemand bin, der sich - vor allem seit einem gewissen Alter - in ästhetischen Fragen nicht mehr unterordnet.
Mein Leben war ja sehr vielseitig und abwechslungsreich. Die Schaffung eines Multilabel Brands wie „The Corner“ entspricht eher meinen Vorstellungen von Mode und Lifestyle in der heutigen Zeit. Eine Mischung aus sehr aktuellen Designern, Kunstausstellungen, Büchern, Cocktails und Produktlancierungen, wie wir es hier in Berlin mit „The Corner“ praktizieren, spiegelt vielmehr die Bedürfnisse eines anspruchsvollen und informierten Kunden wieder.
Letzte Woche war zum Beispiel Carine Roitfeld da, um ihr Buch vorzustellen. Wir bringen immer interessante Leute, wie zum Beispiel Stella Mc Cartney, Karl Lagerfeld, Simon de Pury, Claudia Schiffer, Christian Louboutin, Lapo Elkan etc. nach Berlin. Auch viele Leute aus dem internationalen Showbusiness wie, Tom Cruise, Katie Holmes, Demi Moore, Catherine Deneuve etc. zählen zu unseren Kunden.

Vom Film über Armani bis zum eigenen Fashion -Store. Sie haben das Modebusiness in den letzten 20 Jahren begleitet. Was hat sich ihrer Meinung nach am meisten verändert?

Ich würde mal sagen, es gib die letzten fünf Jahre und die Jahre davor. Was sich verändert hat ist der Begriff Luxus und das Konsumverhalten.
Als Yves Saint Laurent mit den Rive Gauche-Shops eine Art von Pret-à-Porter kreiert hat, machte er Luxusmode für viele zugänglich. Vorher war es nur einer elitären Klasse zugänglich, da war es ja auch Haute Couture und man musste noch Anproben machen.
Die große Veränderung fing in den 90er Jahren an. In den letzten 5 Jahren  ist eine Vermassung des Luxus eingetreten. Daran sind die Italiener sehr beteiligt, vor allem die großen Marken wie Louis Vuitton. Inzwischen ist es nicht mehr elitär, ein Vuitton-Täschchen zu besitzen, man muss auch kein Millionär sein, um Prada-Schuhe zu tragen.
Heute gibt es eine Menge billiger Labels, wie zum Beispiel H&M und Zara, die sofort alles kopieren und zum Massenkonsum beitragen. Das ist ein Milliardengeschäft. Der mittlere Bereich ist komplett weggebrochen.

Kritisieren sie das?

Sie werden in der Zukunft weniger Geschäfte finden, die von privater Hand geführt werden. Ich bin gegen Vermassung und für eine gewisse Individualität und Qualität. Wenn ich unterwegs bin, kann ich nicht sagen, dass die Leute heute besser aussehen als vor 30 Jahren. Aber ich bin auch gegen den Konsum um des Konsums Willen. Ich glaube, dass die Leute besser angezogen wären, wenn sie weniger im Schrank hätten. Natürlich hat das Shoppen in der Zwischenzeit auch einen gewissen Unterhaltungsfaktor. Eleganz hat allerdings nicht unbedingt etwas mit Geld zu tun,  es ist auch eine Geisteshaltung.


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The Corner Berlin


Zu ihrem eigenen Geschäft. Warum haben sie Berlin ausgewählt?

Berlin ist nicht Paris, nicht London und nicht New York. Im Kunstbereich, in der darstellenden Kunst, dem Theater, der Oper, der Musik ist Berlin absolut am Puls der Zeit. Wenn es aber um Lifestyle geht, kann man das nicht mit einer Stadt wie Paris vergleichen, wo es eine sehr lange Tradition gibt. Was an Berlin spannend ist: Es kommen sehr viele interessante Leute hierher und davon profitiere ich. 90 Prozent unserer Kunden sind keine Berliner. Berlin selbst hat eine sehr verminderte Kaufkraft, deswegen sind wir nach wie vor auf Leute von außerhalb angewiesen. Hinzu kommt, dass wir uns auf Dinge spezialisiert haben, die man nicht an jeder Ecke findet. Deshalb erlaube ich mir auch zu sagen, dass unsere Klientel elitär ist, und zwar nicht nur in Bezug auf den Geldbeutel, sondern auch in Bezug auf die Mode. Die kennen nicht nur Prada und Gucci, sondern sind raffinierter.  Gerade Leute aus dem Kunstbereich, Sammler oder Künstler, sind auch über Designer wie Ghesquière, Alexander McQueen oder Phoebe Philo informiert.

Zu einem anderen Thema. Welches Beziehung haben sie heute zu ihrer Heimat Österreich?

Ich bin zum Glück kein Typ, der heimatverbunden ist oder eine gewisse Sentimentalität in dieser Hinsicht hat, sonst hätte ich mein Leben anders führen müssen. Ja, ich bin in gewisser Hinsicht „entwurzelt“, aber ich vermisse „Heimat“ nicht. Dennoch finde ich es sehr schön, nach Österreich zu kommen und natürlich spricht es mich gefühlsmäßig an, wenn ich österreichische Literatur lese oder Musik höre.

Verfolgen sie denn das Modebusiness in Österreich?

Nein, leider gar nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es durchaus interessante Leute gibt. Vor kurzem bin ich nach vielen Jahren durch die Wiener Geschäfte gezogen und muss sagen, das hat schon seinen Charme, aber am Puls der Zeit ist es nicht. Ich fand diese alten Läden sehr interessant, und auch von der Art der Präsentation ist das teilweise sehr skurril und einmalig. Ich finde es auch gut, im Gegensatz zur Corporate- Vermassung, wo Schaufenster in Hamburg genauso aussehen wie in Tokio oder Hong Kong. Ein österreichischer Designer hatte mich mal wegen einer Kooperation angefragt, aber das ging eher in Richtung Trachten – ich finde die ganz schön, es ist aber nicht meine Spezialität.


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The Corner Berlin


Haben Sie bei Ihrem Wien-Aufenthalt nicht daran gedacht, einen "The Corner Wien" aufzumachen?

Ich sehe in Wien nicht die Notwendigkeit für ein solches Geschäft. Alle großen Namen sind bereits vertreten und die Stadt ist auch nicht sehr groß. Berlin ist als Standort nicht ganz uninteressant: Wir haben wenig Konkurrenz hier und haben uns eine Nische geschaffen mit einer Kundschaft die sehr design- und kunstaffin ist.
Ich kann aber aus vier Tagen Wien keine Schlüsse ziehen. Vielleicht war ich auch am falschen Wochenende da. Viele meiner österreichischen Kunden fragen mich: "Wann kommt Ihr nach Wien?" Vielleicht kommt es noch. Österreich und die Österreicher sind in jedem Fall sehr kosmopolitisch. Ich finde, die Österreicher haben eine Mentalität die sich leicht integriert, sehr aufgeschlossen ist, sehr kreativ - eine gute Mischung.


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The Corner Berlin East


Und wenn morgen jemand kommt, und sagt "Herr Voelk, ich will mit Ihnen so ein Geschäft in Wien aufmachen".

Ich könnte eine Partnerschaft eingehen, da stehe ich allen Dingen offen. Aber der nächste Schritt mit meinem Geschäftspartner Emmanuel de Bayser, der aus Paris kommt, geht in eine andere Richtung.
Aus Moskau hatte ich unlängst ein Angebot. Im Einzelhandel ist es nahezu unmöglich, drei Geschäfte, die Sie persönlich gestalten, wo sie selber dahinterstehen, gleichzeitig zu führen. Das ist einfacher bei einer Kette, in der es feste Regeln gibt, aber genau das macht diese Ketten auch so langweilig. Die "educated customers" wollen heute nicht mehr in einen Monolabel-Store gehen.
Wenn wir uns erweitern sollten, was schon geplant ist, geht das nicht in Richtung Einzelhandel. Schon in Richtung Design und Lifestyle, aber es wird keine Kette von Ladengeschäften.

Sondern?

In Berlin reden die Leute ständig von Projekten, die sich dann oft nicht verwirklichen. Ich werde es Ihnen sagen, wenn es soweit ist. Aber es wird definitiv schon etwas sein, das mit Ästhetik, mit Design zu tun hat.

Wir sind gespannt. Zum Schluss: Der Berliner Bürgermeister hat die Stadt mal als "arm aber sexy" bezeichnet. Beschreiben Sie uns doch bitte ihr Berlin mit zwei Adjektiven?

Mit Berlin ist es, wie mit einem Liebesverhältnis: Es gibt Tage, wo es sehr kompliziert ist - andererseits gibt es enorm viele Gestaltungsmöglichkeiten. Es ist eine Stadt, die nicht saturiert ist. Ich würde sagen: "zwiespältig und interessant".

Vielen Dank für das Gespräch.




Josef Voelk
Josef Voelk, Jahrgang 1944, studierte Betriebswirtschaftslehre und Kunstgeschichte und arbeitete zunächst für Theater und Film, unter anderem als Assistent von Luchino Visconti.  1988 übernahm Voelk für Armani die Vertriebsleitung an der amerikanischen Westküste und baute schließlich das Deutschlandgeschäft für die italienische Marke auf. Voelk kam 2002 nach Berlin und leitete zunächst vier Jahre lang den Luxus-Departmentstore "Quartier 206", ehe er mit The Corner Berlin seinen eigenen Concept-Store realisierte.


The Corner Berlin West
Charlottenburg
Knesebeck Straße 32
10623 Berlin

The Corner Berlin East
Am Gendarmenmarkt
Franzoesische Straße 40
10117 Berlin


Text: Daniel Braunschweig lebt als freier Journalist in Berlin.
Alle Bilder beigestellt








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  Comments (1)
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Written by michaela, on 14-03-12 00:29
sehr interessanter artikel. und jetzt weiss ich auch, wieso ich letztens im vergleich von 2004 von quartier 206 so enttäuscht war ;-)

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