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Unsichtbarer Luxus

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Maßgefertigte Dessous

 

Hinter dem Firmennamen "Lingerie Design Boll" verbirgt sich Wiens bislang einzige Maßschneiderei für Dessous. AUSTRIANFASHION.NET traf sich mit der Gründerin Barbara Boll zum Gespräch.


Barbara Boll ist ganz in ihrem Element. „Schauen Sie mal da rüber, da sitzt meine Zielgruppe“, gibt sie mir über ihre Brille hinweg zu verstehen. Wir sitzen im Café Prückel im korbbestuhlten Nichtraucherbereich, die angedeutete Zielgruppe sitzt über einem Kaffee und liest. „Schlanke Frau mit großem Busen“, analysiert Frau Dr. Boll. Sie sieht nämlich Dinge, die andere schon mal übersehen. Doch ihr Röntgenblick hat gute Gründe: die gebürtige Grazerin fertigt Dessous nach Maß und hat ein ganz besonderes Auge für den weiblichen Körper. Wo die Passform von Industrieware an ihre Grenzen stößt, tüftelt Barbara Boll am perfekt abgestimmten Sitz. Die Herausforderung dabei: Die individuellen Bedürfnisse des weiblichen Körpers zu ermessen und fachgerecht zu verpacken.
Ihrem Blick entgeht dabei so gut wie nichts. Auch nicht die Faux-Pas in der Öffentlichkeit stehender Frauen: Zum Beispiel das Untendrunter einer Angela Merkel. Manchmal greife die nämlich unter ihrer maßangefertigten Garderobe hinsichtlich des BH`s daneben. Die Konsequenz: unschöne Falten, die sich unter dem Blazer abzeichnen - denn gerade die gehe es schließlich zu umgehen.


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Beverly Johnson, The Bra-makers Manual


Längst ist der Verzicht auf den BH kein emanzipatorisches Statement mehr - wie er das Ende der 1960er und in den 1970er Jahren war. Damals verzichteten Frauen auf das mitunter einengende Kleidungsstück, dessen Geschichte eng mit der des Korsetts verbunden ist.
Dass die Beschäftigung mit dem Büstenhalter nicht per se konservativ zu deuten ist, auch dafür ist Frau Dr. Boll der beste Beweis. Lange bei den Grünen aktiv, ist sie, die sich als Weiterbildungsjunkie bezeichnet, in Sachen Nähen Autodidaktin: „Ich wollte eigentlich Opernsängerin werden, habe Musikpädagogik und auch sonst eine ganze Menge studiert.“ Heute ist sie als Lehrerin tätig.
Das Nähen hingegen erlernte sie von ihrer Großmutter, die das wiederum in Graz in einer so genannten Bürgerschule gelernt hat. Damals hat sie die Handarbeit gehasst, heute weiß sie das, was ihr damals vermittelt wurde, aufgrund der hohen Qualität zu schätzen. Doch guter Willen allein genügt nicht, wenn es darum geht, sich mit maßgeschneiderten Dessous selbstständig zu machen. Eine gewisse Hartnäckigkeit habe es benötigt, das räumt sie ein – einer Quereinsteigerin stehen die Türen zur Selbstständigkeit als Gewerbetreibende nicht sperrangelweit offen. Doch so begeistert, wie Barbara Boll von Unterbrustbändern, Bügeln, Trägergummis und Verschlüssen redet, kann ihren Maßdessous eigentlich wenig im Wege stehen.


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Lingerie Design Boll e.U.


Sie zeigt einen spitzenbesetzten BH und erläutert die Bestandteile des weiblichen Kleidungsstückes: Zwei Körbchen, Cups genannt, ein Verbindungsstück aus unelastischem Stoff sowie die Seiten- und  Rückenstücke. Hinsichtlich der Statik des weiblichen Untendrunters machte sie einige Entdeckungen: Die Breite des Verschlusses mache für den Halt eines BHs keinen wirklichen Unterschied, da seien die Seitenteile unter den Armen weitaus wichtiger. Und überhaupt: Ein BH soll nicht von den Trägern gehalten werden, sondern in erster Linie vom Unterbrustband.
Wie sie sich an den Aufbau des BHs herangetastet hat? „Am Anfang habe ich BHs zerlegt und so die Schnitte entwickelt“, erzählt sie. Das war vor ungefähr zwei Jahren. Woher sie ihre Waren bezieht? „In Niederösterreich gibt es eine Händlerin, die wunderbare Spitzen, Stoffe und Zubehör verkauft.“ Ihre Arbeitsweise hat Frau Boll in den letzten Jahren perfektioniert: „Das Probemodell mache ich aus dem Originalstoff, beim Dehnungsverhalten kann man sich so dermaßen irren“, erzählt sie von ihren ersten Nähversuchen. Das Herumtüfteln wird sie allerdings auch in Zukunft wohl nicht lassen: „Bei den Körbchen arbeite ich noch immer daran, eine Form zu finden, die mir wirklich zusagt.“ Sie strebt dabei eine möglichst runde, natürliche Form an.


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Soutien des seine par une brassière. 1900


Dabei hat das Formideal des BHs das 20. Jahrhundert hindurch bereits einige Moden mitgemacht: Nachdem um 1900 die ersten Büstenhaltermodelle vorgestellt wurden, favorisierte Frau in den 1920er Jahren eine flache, weibliche Silhouette, die Garçonne verzichtete sogar auf einen BH. In den 30ern wurden die Brüste mittels Auflagen und Versteifungen hervorgehoben, in den 1950ern wurden passend zur Sanduhrsilhouette des New Look spitze Körbchen präferiert. 1916 taucht das Wort „brassière“ als Bezeichnung für ein die Brust unterstützendes Leibchen auf; die Abkürzung „bra“ setzt sich allerdings erst einige Zeit später durch.
Der Begriff Büstenhalter wird in Deutschland in den 1920er Jahren eingeführt. Ein Jahrzehnt später werden die heute noch gängigen Standardgrößen vom A- bis zum D-Körbchen in den USA erfunden. Den echten Körpern der Frauen können die, so Barbara Boll, allerdings nicht wirklich genügen. Allein angesichts der Popularität von Brustvergrößerungen bei jungen, schlanken Frauen stehe die Frage im Raum, wie das zuweilen extreme Verhältnis zwischen Unterbrust- und Brustumfang von den normierten BHs bewältigt werde, gibt sie zu Bedenken. Da verwundert es beinahe, dass Frau Boll in Wien derzeit die einzige Herstellerin maßangefertigter Dessous ist.

Doch wer sich den unsichtbaren Luxus gönnen will, wird auf seine Kosten kommen: Für das erste Modell, das sie für eine Kundin für knapp 300 Euro maßanfertigt, benötigt sie circa zehn Stunden – dann sitzt das gute Stück selbstverständlich ohne Zwicken, sich aufplusternde Teilungsnähte oder überflüssige Falten.
Eine letzte Frage habe ich dann doch noch: Welche industriell hergestellten Dessous präferieren Sie eigentlich? Frau Dr. Boll lächelt: „Die von Agent Provocateur, die sind schon was besonderes.“ Manchmal darf es nämlich auch was von der Stange sein.

Weitere Informationen: http://kurvenundecken.blogspot.com/


Text: Anne Feldkamp lebt als Modejournalistin und Kunsthistorikerin in Wien. Mehr zu lesen von ihr gibt es auf ihrem Modeblog Blica.
 








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