Search
NEWSLETTER SIGN UP

CONTRIBUTE
Keep us informed about your current projects in Austria and beyond,
your group initiatives, collaborations, networks and research.
We welcome your contributions!

  Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie sie sehen können
>   

 


Print

send link
Frl. Gelbstern vs. Apollo

Image
Die einheitliche Vermessung der Mode



„Fräulein Gelbstern“ lautete der Titel eines Vortrags am Berliner Kulturforum zum Auftakt der Berliner Fashion Week. Berenika Partum war für AUSTRIANFASHION.NET vor Ort und berichtet über die Historie der Konfektionsgrößen.

 

Jahrelang widmete sich die Kulturwissenschaftlerin Daniela Döring dem Thema der einheitlichen Vermessung in der Mode. Während ihrer Dissertation forschte sie intensiv in der Geschichte der Konfektion des 19 Jahrhunderts. Am Ende scheint es: Die einheitliche Normierung für die Vermessung des Körpers ist heute genauso verwirrend, wie zu Beginn. Eine länderübergreifende Norm sucht man bisher jedenfalls vergebens.


Image
Daniela Döring
Zeugende Zahlen - Mittelmaß und Durchschnittstypen in Proportion, Statistik und Konfektion des
19. Jahrhunderts, Kulturverlag Kadmos



Jede Frau kennt das Problem: Da passt normalerweise die Größe 38 und in Frankreich passt "nur eine 40", oder, viel schlimmer, in Italien sogar "eine 44"! Dabei hat das nichts mit übermäßigem Genuss italienischer Pasta zu tun. Nein, Schuld ist die jeweils unterschiedliche nationale Vermessung der Größen!
In Deutschland geht man grundsätzlich vom Brustumfang aus. Diese Summe wird durch zwei geteilt und davon zieht man sechs ab. Warum dass so kompliziert ist? Es heißt, die Verschlüsselung stamme aus den sechziger Jahren und sei Ausdruck der Prüderie damaliger Fabrikanten: Damit sollte verhindert werden, dass bereits am Etikett des Kleides die Oberweite der Dame abzulesen war.
Auch die Französinnen teilen Ihren Brustumfang durch zwei, ziehen aber von dem Ergebnis statt sechs nur vier ab. In Italien hingegen muss man einfach damit rechnen, die Kleidung drei Größen größer zu wählen. Eine deutsche 38 ist dann eine italienische 44. Verwirrend!


Image
H. Suhr: Lithographie zur Maßanleitung, ca. 1900, Quelle: Suhr, H. (o. J.). Praktische Schule der Zuschneidekunst für Damen. Leitfaden zur leichten und gründlichen Erlernung des Maaßnehmens, Façonzeichnens und Zuschneidens der Damenkleider mit bildlicher Darstellung des Zuschneidens in 6 farbigen Vorlagen und 10 lithographirten Mustertafeln. Berlin, o. S. Ort: Staatliche Museen zu Berlin – Kunstbibliothek, Sammlung Modebild / Lipperheidesche Kostümbibliothek


Das mit den einheitlichen Größen war aber von Anfang an schwierig: Angefangen hat es mit dem Sternsystem, so Döring. „Gelbstern“ war im Bereich der Damenmode eine Kennzeichnung für eine bestimmte Konfektionsgröße, die für Frauen in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts verwendet wurde. Dass sowohl der „Gelbe Stern“ im Nationalsozialismus verwendet wurde als auch der „Gelbstern“ für die Kennzeichnung der Kleidung, ist reiner Zufall, wenn auch ein sehr grotesker.
Die Erfindung des Gelbsterns hat aber wahrlich nichts mit der brutalen Verordnung im Dritten Reich zu tun, vielmehr ist diese Normierung der Kleidung auf den sternförmigen Hausvogteiplatz in Berlin zurückzuführen. An diesem Platz wurde 1837 das erste Modehaus eröffnet, welches ein Sternsystem für Konfektionsgrößen etablierte. Entwickelt wurde es von den Gebrüdern Mannheimer, die erstmals Kleidungsstücke durch verschiedenfarbige Sterne markierten. So kennzeichnete beispielsweise ein blauer Stern jugendliche Mädchengrößen, ein oder zwei gelbe Sterne standen für die Normalmaße und der rote und grüne Stern für die Kleidung älterer Frauen.

Aber das Sternsystem stand nicht nur für ein Maß und Schnittmengen, sondern auch für eine spezielle Vorführpraxis: Die "Sterndamen" probierten für die Kundinnen die Kleidung an, denn damals waren eigene Anproben bekanntlich undenkbar. Besonderes war hier der „Gelbstern“, was die bevorzugte Größe in der Mode bezeichnete, die durch 44 cm Büstenweite, und 110 cm Hüftmaß gekennzeichnet war. Aus dem einfachen „Gelbstern“ wurde das bekannte „Fräulein Gelbstern“. Sie war die Protagonistin zahlreicher Romane, Theaterstücke, Gedichte und Lieder. Kaum zu glauben heute, dass die Größe 44 damals ein Idealmaß darstellte.


Image
Anleitung zum Maßnehmen für Schnittmuster, 1912, Quelle: Verband für Neue Frauenkleidung und Frauenkultur [Hg.] (1912). Neue Frauenkleidung und Frauenkultur. Karlsruhe.
Ort: Staatliche Museen zu Berlin– Kunstbibliothek, Sammlung Modebild / Lipperheidsche Kostümbibliothek



Aber nun zur Geschichte der Konfektion: Das Wort „confection“ oder lateinisch
„confectio“ bezeichnet die serienmäßige Herstellung von Kleidung. Um aber diese Herstellung gewährleisten zu können, bedarf es einer Norm - das Ergebnis soll ja schließlich möglichst vielen Kunden passen. Während des 19. Jahrhunderts waren Fabrikanten auf der unermüdlichen Suche nach einer solchen Kleidernorm. Ausgangspunkt war die Schneiderei: Der Schneidermeister vermaß den individuellen Körper mittels Papiermaß und Faden und kam dabei zunächst ganz ohne Zahlen aus. Zunächst war das Wissen um die Zuschneide-Kunst ein gehütetes Wissen, fast ein Geheimnis der jeweiligen SchneidermeisterInnen. Selbst Lehrlingen wurde es nur teilweise anvertraut.

Erst durch die Standardisierung von Maß und Zahl ließ sich das Wissen weitergeben - so wurde 1794 das Urmeter als einheitliches Maß eingeführt und 1815 kam das heute bekannte Maßband. Immer weniger waren in der Folge Fähigkeiten wie Begabung oder Augenmaß wichtig, immer mehr die verschiedenen Verfahren, Instrumente und Methoden. So begann die Geschichte der industriellen Fertigung.
Hinzu kamen unterschiedliche ursprüngliche Idealbilder für die männlichen und weiblichen Konfektionsgrößen: Während es bei den Frauen das „Fräulein Gelbstern“ war, galt für die Männer keine andere als die Marmorskulptur des „Apollo von Belvedere“ als das Maß aller Dinge. Nachdem diese antike Skulptur gefunden und vermessen wurde, wurde sie zum Ausgangspunkt männlicher Konfektionsgrößen.
Mittlerweile dürfte sich das Ideal ein wenig geändert haben. Die Suche nach der Normierung hört jedoch nicht auf, und führt bereits beim Einkaufen in Europa zur Verwirrung.



Text: Berenika Partum












Bookmark this page!
bookmarks.ag del.icio.us Digg.com Facebook Furl Google Live Slashdot SOFTigg StumbleUpon Technorati Mister Wong Yahoo Yigg



  Comments (1)
RSS comments
Written by apollo, on 17-02-12 12:16
Danke für diese Einführung. denke jedoch daß die Apollomaße nach wie angestrebt werden.

Write Comment
  • Please keep the topic of messages relevant to the subject of the article.
  • Personal verbal attacks will be deleted.
  • Please don't use comments to plug your web site. Such material will be removed.
  • Just ensure to *Refresh* your browser for a new security code to be displayed prior to clicking on the 'Send' button.
  • Keep in mind that the above process only applies if you simply entered the wrong security code.
Name:
Comment:

Code:* Code