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Textile Revolution

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Mode aus Milch, Algen & Silber
Eine textile Revolution rollt an. Mit alternativen biologischen Materialien wird nicht nur die Umwelt geschützt, sondern vor allem die Haut. Denn die neu entwickelten Fasern enthalten Substanzen, die pflegen und sogar Anti-Aging- sowie Schlankheitseffekte versprechen.



Wozu sich noch eincremen, wenn das Kleid pflegende Wirkstoffe an die Haut abgibt oder der Strumpf die Schmerzen lindert? Wer braucht noch ein Deo, wenn das T-Shirt den Schweißgeruch unterbindet? Und wozu sich im Fitnessstudio schinden, wenn die Dellen am Oberschenkel von einem besonderen Wirkstoff in der Unterwäsche geglättet werden? Es ist kaum zu glauben, aber Bodylotion, Salben & Co könnten schon bald der Vergangenheit angehören. Dann nämlich, wenn eine neue Art von Textilien das hält, was ihre Entwickler- und HerstellerInnen versprechen – und diese Versprechen sind groß: Die Stoffe würden Feuchtigkeit spenden, entzündungshemmend und schmerzlindernd wirken, heißt es, sie würden sich bei Neurodermitis, Psoriasis und verschiedenen Allergien bewähren, und einige sollen sogar schlank machen und Cellulite reduzieren. Materialien, die diese textile Revolution ermöglichen, bestehen aus Milch, Silber, Algen und Bananen, deren verschiedene Vitalstoffe direkt an die Haut abgegeben werden.

Zu schön, um wahr zu sein! Denn auf diese Weise wären mehrere Probleme auf einen Schlag gelöst. Neben der versprochenen Multifunktionalität seien die neuen Fasern auch ein Garant für Nachhaltigkeit, sprich die Schonung natürlicher Ressourcen. Ein Beispiel: Während alleine die Produktion eines gewöhnlichen Baumwoll-T-Shirts 41.000 Liter Wasser verschlingt, benötigt man für ein Kleid aus Kasein nur zwei Liter Wasser. Und auch die sechs Liter Milch, die dafür aufgewendet werden, sind ein Abfallprodukt, das nicht den Lebensmittelkriterien entspricht und normalerweise weggeschüttet würde. Kein Wunder also, dass die Nachfrage nach alternativen Textilien in den vergangenen Jahren enorm gestiegen ist und sich zu diesem Thema bereits jede Menge Plattformen gebildet haben, wie beispielsweise der Green Showroom, der im Juli dieses Jahres wieder über die Bühne gehen wird.


Von der Kuh zum Kleid

Eine Pionierin auf dem Gebiet der Milch-Kleidung ist die Mikrobiologin und Modedesignerin Anke Domaske. Bereits mit 19 Jahren gründete die heute 28-Jährige ihr eigenes Mode-Label Mademoiselle Chi Chi (MCC) und studierte später Biologie. Anlass für ihre Entwicklung einer  allergiefreien und ökobasierten Faser aus Milch war die Erkrankung ihres Stiefvaters an Blutkrebs. „Das komplette Blut musste ausgetauscht werden, und mein Stiefvater lebte in einem sterilen Raum", berichtet die Deutsche in einem Interview, "er reagierte sehr empfindlich auf alle Umwelteinflüsse, weil sein Immunsystem durch die Krankheit heruntergefahren war“. Auf der Suche nach chemiefreier Kleidung stieß sie auf eine Faser aus dem Milcheiweiß Kasein und gründete QMilch.





Ganz neu sind Milchfasern nicht, sie werden bereits seit den 1930er-Jahren eingesetzt. Allerdings funktionierte ihre Herstellung  lange Zeit nur mit einem sehr aufwendigen chemischen Verfahren und einer 75prozentigen Erdölbasis, berichtet Domaske, die das Procedere gemeinsam mit dem Faserinstitut Bremen ganz ohne Chemie und einem Bruchteil der früher benötigten Wassermenge optimierte und zum Patent anmeldete. Der Erfolg gibt ihr Recht, genauso wie zwei Innovationspreise und das Lob, das sie einheimst. Angesichts der enormen Faserknappheit von Naturtextilien sei es mehr als sinnvoll, ein vorhandenes Abfallprodukt wie Kasein mit geringem Aufwand zur Faser zu verarbeiten", sagt Heike Scheuer vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft. Auch Hans-Peter Fink, Professor am Fraunhofer Institut für Angewandte Polymerforschung in Potsdam sieht aufgrund der Erdölknappheit einen großen Zukunftsmarkt für biobasierte Fasern wie QMilch. Bei der internationalen Forschung würden Celluloseregeneratfasern und Fasern aus Polymilchsäure eine immer größere Rolle spielen.


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© Jannes Frubel


Zukunftsmarkt Medizin

Mit einer Prozessdauer von nur einer Stunde und einem Maximalverbrauch von nur zwei Litern Wasser und dem Abfallprodukt Milch, das nicht für Lebensmittel verwendet werden darf, scheint das Herstellungsverfahren von QMilch den Kriterien von Nachhaltigkeit bestens  zu entsprechen. Doch neben der ökologischen Notwendigkeit geht es Anke Domaske vorrangig um die wohltuende Wirkung ihrer Milch-Kleidung, die zukünftig auch in der Medizin eingesetzt werden soll. Beispielsweise als „Tupfer oder Wundauflagen, die man mit Medikamenten tränken kann“, die dann punktuell Medikamente abgeben, um zum Beispiel Krebs zu behandeln, ohne das Immunsystem zu schädigen, meint Domaske. Aber auch die Verwendung in Form von Implantaten sei möglich. Diese Hoffnung gründet sich auf die im Kasein enthaltenen Aminosäuren, die laut Domaske antiallergen und antibakteriell wirken. Deshalb kämen heute schon viele ihrer KundInnen wegen Hautproblemen, Allergien, Neurodermitis. Denn das Problem mit „normalen“ hautfreundlichen Stoffen wie zum Beispiel Seide sei, dass auch sie nicht ohne chemische Zusatzstoffe auskämen und deshalb die Haut reizten. Im Vergleich dazu sei QMilch total bio, die Proteine im Stoff versorgten die Haut mit den Vitaminen A, D und E. Milchseide sei außerdem sehr weich, wirke rückfettend sowie feuchtigkeitsspendend und schütze vor Körpergeruch. „Man schwitzt überhaupt nicht, denn es ist eine Temperatur regulierende Faser“, erklärt Anke Domaske, deren Kollektionen über ihr Label MCC – Mademoiselle Chi Chi beziehbar sind.


Vitalstoffe aus Algen und Silber

Mittlerweile vertreiben bereits mehrere Firmen Kleidung aus Milch, Bambus, Algen & Co,  beispielsweise die italienische Marke Back Label oder das Kaschmirlabel Loro Piana. Und auch österreichische und deutsche Firmen sind ganz vorne mit dabei: Hessnatur experimentiert mit Bananenfasern, die jenen der Wildseide ähneln, und Twosquaremeter setzt ebenfalls schon einige Zeit auf Milchfasern sowie Algen und testet gerade Fasern aus Holzabfällen. Das Unternehmen, 2010 von der Diplomkauffrau Carola Falk und der Designerin Christine Zillich gegründet, verspricht durch die Verarbeitung der Milch- und Algenfasern sogar einen Anti-Aging-Effekt.


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Back Label


Ebenfalls schon seit geraumer Zeit auf dem Markt sind Produkte aus SeaCell®active-Garn der Firma SensoTex. Sie enthalten Algen, die einen hohen Anteil an verschiedenen Mineralien, Spurenelementen, Kohlenhydraten, Fetten und Vitaminen besitzen, und auf diese Weise hautschützend sowie entzündungshemmend wirken. Zusätzlich sind in den Fasern Silberione integriert, die das Mikrobenwachstum im Textil und damit auf der Haut reduzieren. Diese „Materialkombination aus Cellulose, Algen und Silber regt die Hautzellenerneuerung an, fördert die Hautdurchblutung, aktiviert den Zellstoffwechsel und wirkt antibakteriell und antimykotisch“, heißt es bei SensoTex, und liefere eine natürliche Hilfe bei rauen rissigen Händen und Füßen, Neurodermitis, Ekzemen, Schweißfüßen und -händen, Nagel- und Hautpilz, Hautproblemen bei Diabetes usw. Produziert werden Pflegehandschuhe und –Füßlinge.

Auch der Spezialtextilhersteller SKINTOSKIN® erkannte den antibakteriellen Effekt von Silber und vereint ihn mit der beruhigenden und heilenden Wirkung von Braunalgen. Denn die Algen sind nicht nur vitamin- und mineralstoffreich, sie regen darüber hinaus die Haut zur Produktion von Glucoseaminoglucanen an, die einerseits die Heilung von Entzündungen der Haut beschleunigen und andererseits die Haut vor freien Radikalen schützen sollen. Anti-Aging sozusagen als Nebeneffekt. Und auch die Silberionen haben laut Firmenauskunft noch einen weiteren Effekt: Sie würden die Zersetzung des Schweißes durch Bakterien und damit den Geruch reduzieren. Insgesamt heißt es bei SKINTOSKIN®, die Unterwäsche für Erwachsene und Kinder mit Hautproblemen wie Kandidose, Diabetisches Fußsyndrom, Mykose, Schuppenflechte und atopischer Dermatitis anbietet: Die Textilien seien antibakteriell, antibiotisch, geruchsneutralisierend, hyperallergen verträglich, allgemein hautberuhigend, Reizungen, Entzündungen und Infektionen vorbeugend. Und Dermatitis würde schon nach acht Tagen kontinuierlicher Nutzung sichtbar reduziert werden.


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© SKINTOSKIN®


Wirkstoffe durch Beschichtungen

Die Nutzbarmachung natürlicher Stoffe für die Haut kann aber auch anders funktionieren. Indem nämlich nicht die Materialien selbst die pflegenden Substanzen abgeben, sondern herkömmliche Textilien wie Baumwolle damit beschichtet werden. Das sogenannte Verpackungsmaterial für die verschiedenen Wirkstoffe sind Zuckerverbindungen, Cyclodextrine. Sie werden entweder schon während des Spinnvorgangs oder beim späteren Imprägnieren auf die Innenseiten der Kleidung gebracht. Erst im Kontakt mit der Haut werden die Stoffe durch Körperwärme, Feuchtigkeit oder Reibung wieder freigesetzt - ähnlich wie bei Hormon- oder Nikotinpflastern, nur auf wesentlich breiterer Fläche. Praktisch kann jedes Textilmaterial mit Cyclodextrinen beschichtet werden, wodurch therapeutische Handschuhe für allergiegeplagte Friseure ebenso machbar sind wie Spezialsocken für Fußpilzpatienten.

Ansätze dazu bietet die französische Firma Dr ReChell, die auf den Bereich Pflege- und Gesundheitsprodukte spezialisiert ist. In einem „BornWith“-Verfahren werden die unterschiedlichen Wirkstoffe in Polymer-Vorrichtungen eingegliedert und auf die Textilien platziert, wobei die Abgabedauer an die Haut von einigen Tagen bis zu mehreren Monaten betragen kann. Im Vergleich zu Wirkstoffübertragungen per Mikrokapseln habe diese Technologie u.a. folgende Vorteile: es können größere Wirkstoffmengen verarbeitet werden, eine kontrollierte Diffusion sowie eine breite Auswahl von polymeren Stoffen sei möglich.
Bei den Inhaltsstoffen handelt es sich um natürliche Stoffe, die in Textilorthesen (Nierengurte, Ellenbogen-, Knie-, Handgelenk- und Knöchelschützer) schmerzstillend wirken sollen – wie Zitronengras, Koriander, Rosmarin und Murkott-Mandarine - und mit reizlinderndem und feuchtigkeitsspendendem Macadamiaöl angereichert sind. Dr ReChell vertreibt aber auch „schlank machende“ Textilien wie Gurte und Panties mit einer leicht stützenden Funktion, die auf Koffein- und Kopraölbasis (Kokosöl) hergestellt sind.


„Anti-Cellulite-Hosen“

Kleidung mit Wellness-Charakter versprechen auch andere Hersteller. Die Firma Kunert reichert Strumpfhosen und Unterwäsche mit dem Agavensaft Aloe Vera an, der durch eine chemische Verbindung mit dem Polymer des Garns verbunden ist, wodurch eine hautglättende und feuchtigkeitsspendende Wirkung erzielt werde. Ein ähnliches textiles Pflegeprodukt entwickelte Palmers: die „aromatherapeutische Strumpfhose“ stimuliere die Haut und reduziere Cellulite. Bereits 2005 sorgte eine solche „Anti-Cellulite-Strumpfhose“ in den USA für Aufsehen. Laut dem Magazin New Scientist soll das im Nylon eingebaute Theophyllin-Acetat, das als Medikament bei Bronchialkrankheiten verwendet wird, in Verbindung mit einem organischen Polymer (PEI) eng auf der Haut getragen, die unschönen Dellen bekämpfen.


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Auch die Marke Wrangler führt seit dem Vorjahr eine Denim-Linie mit Beauty-Finishes. Die in der Jeans eingelagerten Mikrokapseln nähren einerseits die Haut mit Aloe Vera und Olivenextrakten und regen andererseits angeblich die Fettverbrennung an, was auch einen Anti-Cellulite-Effekt beinhalte. Um einen optimalen Hautkontakt mit den Wirkstoffen zu gewährleisten, wird die Jeans in Slim- oder Skinny-Fit0-Ausführung angeboten, erklärt Martial Birembaux, Frankreich-Chef von Wrangler, der eine Haltbarkeit von acht Waschgängen verspricht und den Kundinnen Sprays zum Auffrischen der Wirksamkeit anbietet.


Schmerzreduktion bei Kompressionsstrümpfen

Doch manchmal geht es nicht um den textilen Spa-Effekt alleine. Beispielsweise dann, wenn aufgrund von Venenschwäche Kompressionsstrümpfe getragen werden müssen, die nicht selten zu Hautirritationen führen. Durch neue Strumpfmodelle mit integrierter Pflege ist  dieses Problem jetzt gelöst, wie aus einer Studie der Universitätshautklinik Greifswald hervorgeht, die an 40 Personen in einem Zeitraum von drei Wochen durchgeführt wurde. Das Ergebnis: Die cremenden Strümpfe führen zu einem deutlich geringeren Wasserverlust der Haut, die nicht mehr aufraut und länger geschmeidig bleibt. VenoTrain beispielsweise erzielt diesen Effekt durch eine Emulsion aus Vitamin E, Urea und Passionsfruchtkernöl, welche die hautglättenden Eigenschaften einer Pflegelotion mit den durchblutungsfördernden Eigenschaften eines Kompressionsstrumpfes vereint. Damit erhielten Betroffene „ein Hilfsmittel, das neben der medizinischen Wirkung auch erstmals die optimale Hautpflege über den Therapiezeitraum sicherstellt“, meint Professor Jünger, Leiter der Universitätshautklinik Greifswald, „auf das zusätzliche Eincremen der Beine kann verzichtet werden".


Unterbindung des Schweißgeruchs

Auch im Bereich der zwar schmerzlosen, aber unangenehmen übermäßigen Transpiration gibt es bereits Abhilfe. Nun heißt es „Pulli statt Deo“. Denn Pflegemittel, die blumigen Achselduft rund um die Uhr versprechen, gibt es viele. Die versprochene Wirkung leisten sie jedoch nur selten. Der Grund: Sie können den Schweißgeruch lediglich übertünchen. Nun haben Forscher des deutschen Textilforschungszentrums Nord-West (DTNW) in Krefeld eine chemische Substanz zur Imprägnierung von Kleidung entwickelt, die das Entstehen des Schweißgeruchs verhindert. Wie das funktioniert? Schweiß an sich ist geruchsneutral, erst wenn die im Schweiß enthaltenen sogenannten flüchtigen Fettsäuren zersetzt werden, entsteht der typische Geruch. "Mit dem von uns entwickelten Stoff wird die Vermehrung der Geruch erzeugenden Bakterien in der Textilfaser gehemmt", erklärt Dierk Knittel vom DTNW. Indem die Bakterien chemisch fest gebunden werden, würde den Keimen die Grundlage entzogen. Die entwickelte Substanz würde laut Knittel bis zu 50 Waschgänge des Textils überdauern und sogar aufgesprühten Parfumduft länger erhalten.


Schenken wir den Aussagen der Forschung Glauben, so sind die alternativen Möglichkeiten der Textilindustrie noch lange nicht ausgeschöpft. Die Revolution rollt erst an…




Text: Dagmar Buchta
Startbild: © Jag_cz - Fotolia.com


Aus der Artikelserie Fashion & Innovation
Mit freundlicher Unterstützung von
impulse, der Austria Wirtschaftsservice GmbH

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  Comments (1)
RSS comments
Written by michaela, on 19-06-13 22:32
spannend!

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