
Die Preisträger des Stipendiums für junge Modemacher an der Universität für Angewandte Kunst.
Das Adlmüller-Stipendium trägt seinen Namen nach dem österreichischen Grand Seigneur der gediegenen Mode: Kärntnerstraßen-Nobelcouturier Fred Adlmüller stand der Meisterklasse für Mode an der (weiland) Hochschule für Angewandte Kunst von 1973 bis 1979 vor und verfügte in seinem Testament, dass ein bestimmter Teil seines Vermögens einer Stiftung zuzuführen sei. Daraus speist sich das Stipendium, welches allährlich an Vertreter von sechs Meisterklassen der (nunmehr) Universität für Angewandte Kunst vergeben wird. Während hier einiger Rotationsspielraum besteht, hat doch jedenfalls nach dem Prinzip 1+5 eines der Stipendien der Modeklasse zu gelten. Die Entscheidung über die Vergabe wird von einer Kommission getroffen, welche sich aus Universitätspersonal sowie einem externen Modeexperten zusammensetzt.
In dieser Funktion wirkte zuletzt die Doyenne des österreichischen Modejournalismus Brigitte R. Winkler, welche in einem charakteristisch prägnant und treffend formulierten Statement gegenüber austrianfashion.net meint: "Wettbewerbe sind dazu da, sich einen Namen zu machen und Geld einzuheimsen, mit dessen Hilfe man weiter an seiner Karriere bauen kann. Genau das wollte Fred Adlmüller mit einem Teil seiner Hinterlassenschaft bewirken, als er das Stipendium ins Leben rief."
Experimentieren und Ausprobieren.
Das Modestipendium 2008 wurde gesplittet und zu gleichen Teilen an zwei Studentinnen des vierten Jahrganges in der Meisterklasse unter Véronique Branquinho vergeben: Astrid Deigner und Christina Steiner. Man mag bedauern, dass nicht die Modeschau der Universität als Plattform für die Bekanntgabe der Stipendiatinnen diente. Erst etwa eine Woche nach der Show wurden alle Arbeiten im Heiligenkreuzer Hof präsentiert. Hier wurden letztlich mögliche Synergien mit dem Wiener Modefestival sowie der großen hauseigenen Show ungenützt gelassen.
Im persönlichen Gespräch zeigen sich die beiden Studierenden, die ab sofort auf ihre Diplomkollektionen hinarbeiten, erfreut über die Anerkennung – und die finanzielle Hilfestellung. Das Modestudium ist wohl eines der kostenintensivsten: Am Ende jeden Studienjahres gilt es, eine Kollektion fertigzustellen, Stoffe zu kaufen, womöglich Hilfskräfte zuzuziehen. Eine Gelegenheit, sich früh in budgetärer Sorgfalt zu üben.
Andererseits ist es aber die Zeit an der Universität, welche Freiheit zum Experimentieren und unpragmatischen Arbeiten ohne das Schielen auf ein potenzielles Käuferprofil lässt – darin sind sich Astrid Deigner und Christina Steiner einig. Beide genießen es, im Rahmen des Studiums mit der größtmöglichen Anzahl kreativer Ansätze zu spielen, wobei sich aus solcher Experimentierfreude über die Jahre ohnehin eine eigene Handschrift herausbilde. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt; das gilt hier wie anderswo. Gewissermaßen unumgänglich ist die Auffindung einer möglichst unverwechselbaren eigenen Linie spätestens im Rahmen der Diplomkollektion. Hier steht die Arbeit der jungen Modeschaffenden erstmals im Mittelpunkt eines breiteren Interesses, und eine Reihe von recht großzügig dotierten Preisen kann durch exzellente Arbeit erworben werden. Ganz abgesehen von der Beachtung durch die Fachpresse oder herbeigehoffte Headhunter.
Förderung während des Studiums.
In den Jahren vor dem Diplom allerdings ist die Preisvergabelage dürftiger: Neben dem Adlmüller-Stipendium gibt es alleine eine Förderung durch die Swiss Textiles sowie den Preis der Boutique Song, die theoretisch allen Studierenden der Modeklasse offen stehen und auch in den Jahren vor dem Diplom errungen werden können. Wettbewerbe und Stipendien sind zweifellos eine willkommene Gelegenheit, sich mit anderen Kreativen im direkten Vergleich zu messen. Dementsprechend eindrücklich fällt auch die zusammenfassende Feststellung, mit einem Hauch warnenden Untertons, von Brigitte R. Winkler aus:
"Vorsicht: Nicht überall wo Mode-Wettbewerb oder -Award draufsteht, steckt Renommee drinnen. Die Frage, was passt zu mir und meinem Produkt, stellt sich auch dabei. Beim Adlmüller-Stipendium sollte eigentlich jeder Student, der die Teilnahme-Kriterien erfüllt, mitmachen."
Wahllosigkeit und Beliebigkeit sind also zu vermeiden. Besser ist es, eine Veranstaltung oder Präsentationsmöglichkeit auszulassen, als durch eklektizistische Überexponiertheit das eigene Profil zu verwässern: Teil des unabdingbaren Lernprozesses in den Creative Industries, wo sich kreatives Geschick mit unternehmerischem Gespür zur idealen Kombination zusammenfinden müssen. Dessen sind sich auch die beiden jungen Stipendiatinnen bewusst. Zwar ist das langfristige Wunschziel für beide der Aufbau eines kleinen, feinen, eigenen Labels, doch muss das nicht sofort geschehen. Nach dem Diplom möchten beide für einige Zeit ins Ausland gehen (lieber nach Paris oder Antwerpen als nach London oder Mailand übrigens), in ein größeres Haus womöglich, um wertvolle Erfahrungen und Einblick in Arbeitsprozesse zu sammeln.
Astrid Deigner: urban und wandelbar.

Befragt nach den Inspirationsquellen für ihre prämierte Kollektion, verweist Astrid Deigner auf zweierlei Gedankenstränge: Zum einen habe sie als Ausgangspunkt den changierenden Fleck im Gefieder der (gemeinhin nicht über die Maßen geliebten) Großstadttaube gewählt. Davon ausgehend sind einige Stoffe mit ähnlichen Effekten eingesetzt worden, um – subtil und zitatweise – das Moment des changierend-animalischen zu rekreieren. Auch das Motiv für einen Print leitete sich von einer Nahaufnahme des Taubengefieders ab, allerdings auf eine Weise, die den Ursprung für Uneingeweihte kaum erkennen lässt.

Außerdem arbeitete die angehende Diplomandin ausgehend von Männerschnitten, welche im Schaffensprozess für eine Frauenlinie umgearbeitet und adaptiert wurden. Konsequent diesen Gedanken weiterverfolgend, entschied sie sich bei der Präsentation ihrer Kollektion für street-gecastete Models, denen ein Hauch des Androgynen anhaftet (ohne dass dieser Gedanke sich allerdings in den Vordergrund spielte).

Das Ergebnis der monatelangen Beschäftigung mit ihren Inspirationen und Vorstellungen war eine Reihe sehr tragbarer, wohlfeiler Outfits, in welchen die Anfangsideen zwar spürbar sind, ohne aber als ein allzu konzepthafter Bleifuß einen schwerfälligen Eindruck zu bedingen – so ist es der jungen Designerin auch ein unbedingtes Anliegen, dass ihre Mode für sich selbst zu sprechen habe.

Für Astrid Deigner hat sich, wie sie meint, im Laufe der Jahre herauskristallisiert, dass ihre Mode in eine auch für sie selbst als potentielle Trägerin interessante Richtung gehen soll. Alles weist darauf hin, dass diese Entwicklungslinie in ihrem Fall äußerst vielversprechend ist.
Christina Steiner: kristallin und experimentell.

Ausgehend von der Idee natürlich wachsender Strukturen und selbst züchtbarer Kristalle, setzte sich Christina Steiner intensiv und experimentierfreudig mit der Möglichkeit des künstlich herbeigeführten "Kristallbewuchses" von Textilien auseinander.

Wichtig war für die Stipendiatin (deren Wohnung einige Zeit lang als Versuchslabor dienen musste) die Vorstellung des Prozesshaften, welche sie auf sehr aufwendige und ausgeklügelte Weise umsetzte. Mit ihrer Kollektion nützt sie gewiss die Freiheiten aus, welche an der Universität offenstehen, und fertigt eine Haute Couture Kleiderserie par excellence.

Christina Steiner arbeitet, wie sie sagt, ausgehend vom Stoff, der sie aus dem einen oder anderen Grund fasziniert, und in der Tat handelt es sich dabei um ganz besondere Textilien (was auch notwendig ist, da nicht jedes Gewebe das Eingelegtwerden in Chemikalien während der Kristallzüchtung übersteht): mit Metallbeimischung oder gar, bei einem Modell, ein für die Verkleidung von Hauswänden gedachter Architekturspezialstoff.

Klugerweise vermeidet sie es in ihrer Kollektion, die Inspiration des Kristallinen über die Gebühr zu strapazieren (der subtile Umgang mit ihren Ausgangspunkten zeichnet also beide Stipendiatinnen aus), und so wurden nur auf drei Modellen Kristalle gezüchtet, während andererseits die Schnittmuster und ein Printmotiv unaufdringlich das Kristall-/Wachstumsmotiv aufgreifen. So gerät ihre Kollektion auch keineswegs in die Gefahr, welche durchaus bestanden hätte, einen verkitschten Swarovksi-Beigeschmack mitzuführen. Eine bravourös gemeisterte Gratwanderung im Bereich der gediegenen Abendmode.
Abschließed mag festgehalten werden, dass das Adlmüller-Stipendium zweifellos über das rein pekuniäre Momentum hinaus ein ausgezeichneter Gradmesser für kreatives Potenzial innerhalb der Talentschmiede der Meisterklasse für Mode ist, welche in den vergangenen Jahren bekanntlich eine imposante Reihe anerkannter und erfolgreicher Designer hervorgebracht hat. Die beiden Adlmüller-Stipendiatinnen 2008 stehen ihren Vorgängern in punkto Originalität und entwerferische Sattelfestigkeit um nichts nach. Man darf gespannt sein – auf die Diplomkollektionen der beiden zum einen, auf das nächste Adlmüller-Stipendium zum anderen.
Daniel Kalt
Daniel Kalt mag Mode ganz gern und schreibt deshalb darüber. Außerdem übersetzt er und ist Kulturwissenschafter.
Alle Fotos © Shoji Fuji / Show Angewandte 2008
Links
Fred Adlmüller ( Wikipedia )
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