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Wilfried Mayer

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Spring Summer 2009 'Neo Eon One'


'The irony is that we still don’t know if postmodernism was the end of modernism or just an interruption.'
Rem Koolhaas (New York Times, Juni 2008)

Zu leicht wäre es die Einleitung zu diesem Interview mit der Nennung des Austragungsortes zu beginnen, dem traditionellen Wiener Caféhaus Prückel, am Rande der noblen Innenstadt. Müßig wäre die Beschreibung der kleinen silbernen Tabletts und des winzigen Gläschens Wasser, die zur Melange gereicht werden, des blassen Linoleumbodens und der zuvorkommend schroffen Kellner. Fast zu nahe liegend wäre es hier zu erwähnen, wie die sorgsam gewählten Worte Wilfried Mayers zusammen mit der Jugendstildecke und dem Ambiente, das dem nachkriegszeitliche Wien verhaftet ist, ein sinnvolles Ganzes ergeben.
Zu sehr haben wir von den Strategien der Werbung gelernt. Zu stark ist der Drang vertraute Klischee-Konstrukte zu einer einfachen Wahrheit zu verbinden.

Wilfried Mayer hat nach einem geisteswissenschaftlichen Studium den praktischen Weg eingeschlagen und Mode an der Universität für Angewandte Kunst in Wien studiert. Er war Schuhdesigner für Bally, absolvierte ein Praktikum für Carol Christian Pöll und gründete im Jahr 2005 das Herrenmode-Label Wilfried Mayer. Seit 2006 präsentiert er seine Kollektionen in Paris.

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Foto © Jürgen Knoth, Model: Mia

Schon seit einigen Saisonen wird dem androgynen Schick das Aus prophezeit. Man spricht von einer neuen Klassik, einer sensiblen Männlichkeit, post Slimane sozusagen. Nicht zufällig fallen diese Entwicklungen in eine Phase des öffentlichen, salonfähigen Zweifelns an den mühsam zusammengetragenen Errungenschaften der Postmoderne.

Der Designer Mayer ist der Tradition der Klassischen Moderne zugetan, die gerade in Wien schöne Ausprägungen erfahren hat. Männliche Vernunft, Funktionalismus, große Ideale und die Geburt der Psychoanalyse prägen bis heute die Vorstellung von der düster-morbiden Stimmung der Donaustadt.

Mayer griff mit seiner ersten Kollektion „Ars Moriendi“, die 2005 in Hyères präsentiert wurde, die Wiener Faszination mit dem Jenseits auf. Eine gänzlich weiße Kollektion, die Inspiration aus dem Kult um den Tod schöpfte. Sein Markenzeichen ist schlichte, hochwertig gearbeitete Herrenmode, die an längst vergangene Zeiten erinnert.
Für die Frau ist in dieser Welt freilich kein Platz, für Geschlechtergrenzen aber auch nicht. Mayer schneidert für zeitgenössische Persönlichkeiten, die in den großen Wahrheiten der Tradition Halt finden und im Sinne unserer Zeit von starren Zugehörigkeiten nichts wissen wollen.

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Fotos © Jürgen Knoth, Model: Georg


Interview

MV: Du hast im Winter deine aktuelle Sommerkollektion 09 in Paris gezeigt, die den Titel „Neo Eon One“ trägt und sich auf die historische Persönlichkeit Chevalier d’Eon bezieht, der sowohl als Mann, als auch als Frau gelebt hat. Wie bist du zu dem Namensgeber gekommen?

WM: Es war ein nettes Wortspiel. Ich finde die Geschichte der Person interessant. Es gibt immer mehrere Dinge die mich beschäftigen. Den Transgender-Aspekt finde ich nur zusätzlich interessant –vor allem auf die Zeit bezogen bemerkenswert – aber für meine Arbeit stand das nicht im Vordergrund.

MV: Aber du hattest doch erstmals Frauenkleider bei dieser Kollektion.

WM: Ich habe jetzt zum ersten Mal das Konzept, dass ich das Produkt in sehr kleinen Größen (Herrengröße 44) und jetzt auch zum ersten Mal in einer Damengröße anbiete. Das Ziel wäre die einzelnen Modelle sowohl für Frauen als auch für Männer zugänglich zu machen. Es soll egal sein wer das nun trägt.

MV: Planst du eine Frauenkollektion für die Zukunft?

WM: Nein. Es interessiert mich zwar auch für Frauen etwas zu entwerfen, aber aus praktischen Gründen würde ich sagen, das Label ist ein Herrenlabel, das auch für Frauen zugänglich ist.

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Foto © Jürgen Knoth, Model: Georg

MV: Hältst du dich auf dem Laufenden was Trends betrifft?

WM: Nein, eigentlich nicht. Trends im engeren Sinne auf Mode bezogen interessieren mich überhaupt nicht. Was mich schon interessiert sind gegenwärtige Entwicklungen in verschiedenen Bereichen, die sich dann auf die Wahrnehmung oder das ästhetische Verständnis auswirken. Im weitesten Sinne so etwas wie Zeitgeist.

MV: Also der „Dior new look“ soll ja vorbei sein. Keine androgyne Knabenmode, kein Heroin-Chic – man spricht von einer neuen Männlichkeit, im Sinne der Moderne.

WM: Das hört man schon länger. Dass die neue Klassik eine Renaissance erlebt. Das entspricht eigentlich ganz gut meinen Ansätzen.

MV: Du lebst und arbeitest in Wien, einer Stadt relativ abseits großer Modetrends. Welchen Einfluss hat das Leben in Wien auf dich?

WM: Ich bin mit der Wiener Stimmung permanent konfrontiert. Das hat sowohl positive als auch negative Auswirkungen. Einerseits positiv, weil es einem hier möglich ist, sich etwas zurückzunehmen und eine Distanziertheit zu einem schnelllebigen Betrieb zu gewinnen. Es gibt aber auch negative Auswirkungen, wenn man sich der – meines Erachtens – vorherrschenden Trägheit hingibt.
Es gibt eine gute Infrastruktur und das erleichtert die Arbeits- und Lebensbedingungen. Es würde keinen Sinn machen, nach Paris oder Mailand zu gehen. Außer einem gewissen sozialen Umfeld, das man im Modebereich nicht verachten sollte gibt es dort für mich nichts Erstrebenswertes. Mit einem kleinen Label kann man wenig bis gar kein Geld verdienen und muss deshalb durchaus darauf bedacht sein, wie man durch Engagements zu Geld kommt. Diese Art von Engagements zu erreichen ist bedeutend leichter, wenn man in den Modemetropolen vor Ort ist.

MV: Also die Lebensqualität steht für dich im Vordergrund?

WM: Ja, das ist ein Argument, das für Wien spricht.

MV: Deine erste Kollektion, mit der du in Hyères unter den Finalisten warst, hieß „Ars Moriendi“, und diese Auseinandersetzung mit dem Tod sehe ich als typisch Wienerisch.

WM: Das sehe ich auch so. Ich glaube, dass ich mit der ersten Kollektion der Stadt schon genügend Tribut gezollt habe. Aber es ist immer etwas von Wien dabei.

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MV: Ist dein Logo auch bewusst an die Wiener Werkstätte angelehnt?

WM: Nein, ganz und gar nicht. Ich habe ein Faible für reduziertes, sachliches, funktionalistisches Design. Sei es nun Wiener Werkstätte, Bauhaus, De Stijl oder ähnliche Bewegungen der Klassischen Moderne. Ich glaube, dass sich so auch das Logo ableiten lässt. Es geht um Reduktion und Funktionalität. Es war die Idee, auf einer visuellen Ebene eine Verbindung herzustellen zwischen dem Namen und dem Produkt. Das Zickzack-Muster ist eine Referenz zu der Materialität, die im Produkt steckt, respektive der Verarbeitung und steht quasi auch für eine Naht.

MV: Du mischst offensichtlich zeitgenössisches Design mit dem Geist der Moderne...

WM: Ich sehe mich der Tradition, also auch den Ideen und Inhalten der Moderne sehr verhaftet. Den Begriff Postmoderne halte ich für überstrapaziert und ausgehöhlt. Ich würde mich in einer Gegenüberstellung eindeutig im Bereich der Moderne verorten, sei es mit meiner eigenen Arbeit, aber auch wie ich andere Bereiche wahrnehme.

MV: Wo siehst du die Brüche in deiner Arbeit mit der Tradition der Moderne?

WM: Ich schöpfe viele Inspirationen aus der Vergangenheit. Mich interessiert die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und der damit einhergehenden Persönlichkeitskonstrukte.
Meine Arbeit ist zeitgenössisch, weil sie meine ästhetische Positionierung aus der Historie und der Gegenwart formt. Aus dieser Verbindung entsteht im Idealfall etwas, das den Gegenwartsbezug spürbar macht.

MV: Du hast zum Beispiel bei einem weißen Anzug die Rückseite der Hosenbeine aus schwarzem Stoff gemacht. Das sehe ich als Bruch mit dem Konzept von traditioneller Herrenmode.

WM: Es gibt diese Brechungen. Ich arbeite mit Zitaten, tue das aber ungern auf eine direkte Art. Ich konnte nie etwas damit anfangen, irgendwelche Subkulturen als Vorbild zu nehmen und dann so eine Art Dresscode-Sampling zu betreiben. Das habe ich immer schon verachtet. Auch zu der Zeit als es noch en vogue war. Das ist nicht meine Art zu arbeiten. Wenn ich zitiere, schwingt da immer eine Distanziertheit mit. Es interessiert mich die Formensprache der Klassischen Moderne – Funktionalismus, Konstruktivismus. Es geht aber nicht darum, Elemente 1:1 zu übernehmen, sondern inhaltliche Beweggründe zu erschließen. Mit diesen Erkenntnissen und Stimmungen arbeitet man dann und setzt sie auf eine interessante, zeitgemäße Art ästhetisch um.

MV: Du legst großen Wert auf traditionelle Elemente in deiner Mode. Deine Herrenanzüge scheinen aus einer modifizierten Vergangenheit zu kommen. Woher nimmst du das Wissen traditionell zu arbeiten?

WM: Das ist eine Recherche auf verschiedenen Ebenen, sei es literarisch, oder sei es haptisch. Man versucht mit Leuten zusammenzuarbeiten, die über ein derartiges Wissen verfügen.

MV: Woher kommt die Bindung zur Tradition?

WM: Ich sehe Tradition generell als etwas Positives und Interessantes. Ich denke, dass man aus ihr schöpft und mit ihr arbeiten kann. Was mich wieder zurückführt auf das Plädoyer für die Moderne. In der Moderne geht es darum sich mit Tradition und kulturellen Errungenschaften auseinanderzusetzen und aus diesem Wissen etwas zu entwickeln, das eine Fortführung von bereits Bestehendem ist und nicht eine selbstverliebte Neuerschaffung, die sich völlig von dem ablöst, was vorher schon gegeben war.

MV: Man wird als junger Designer sofort in die Avantgarde-Schublade geschoben. Hältst du das für hinderlich?

WM: Nein sonst hätte ich andere Verkaufswege einschlagen müssen und so komme ich nach Paris.
Produkte die dieser Avantgarde-Ecke entspringen sind aber eher in der Lage, jemanden zu bedienen, der eine Art von Persönlichkeit hat, die weniger entwickelt, interessant, selbstständig ist und eines passiven Konsumierens bedarf. Lässt man sich weniger von diesen Mechanismen leiten um zu einem Selbstbild zu kommen, nimmt man auch von diesen „Avantgarde-Produkten“ eher Abstand und gestaltet eine Oberfläche, die in der Lage ist, vom passiven Konsumverhalten abzuweichen.

MV: Das heißt ein kleiner Herrenausstatter ist besser als ein großer weißer Conceptstore?

WM: Beides ist gut – eine Gucci-Tasche kaufen oder sich beim Herrenausstatter ein Maßhemd schneidern zu lassen. Es kommt auf das Gesamtbild an, das dieses Produkt zum ästhetischen Statement macht.

MV: Was strebst du mit deinem Label für die Zukunft an?

WM: Die größte Herausforderung ist es einen Weg zu finden, der es mir ermöglicht den Hauptteil meiner Ressourcen in die Entwicklung eines Produktes und einer Ästhetik zu investieren, die meinen Anforderungen und meinen Zielen sowie Idealen entspricht. Das sehe ich im Moment maßgeblich gefährdet, durch die Bedingungen des Modebetriebes, denen ich mich unterordnen muss. Der Markt ist übersättigt – es gibt zu viele Teilnehmer und zu viel Angebot. Es geht hauptsächlich um Dinge wie Image, also einen Wert der sich nur über die Präsenz in einschlägigen Medien bemisst und zu wenig verankert ist in haptischen, materiellen Qualitätskriterien. Marketing steht zu sehr im Vordergrund im Vergleich zu Design und Produkt.


www.wilfriedmayer.net




Magdalena Vukovic
Kunsthistorikerin und freie Journalistin, lebt in Wien.


ImagePhoto © Sebastian Toth
departure Fashion Night 2008

 

 

 

 

 

 

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