
Im Gespräch mit Gerda Buxbaum, Leiterin der Modeschule Wien/Hetzendorf
Als eine Doyenne der österreichischen Modetheorie übernahm Gerda Buxbaum nach einem umfassenden Aktivitätenportfolio im Bereich der Ausstellungsgestaltung, Lehre, Medienmitarbeit und Buchpublikation 1999 den Direktorinnenposten an der Modeschule Wien im Schloss Hetzendorf. Mit Ende des laufenden Schuljahres wird sie sich aus dieser Funktion zurückziehen. Zugleich legt sie auch ihre Professur am Mode-Bakkalaureatstudium der Kunstuniversität Linz in Hetzendorf zurück. Im ausführlichen Interview mit AUSTRIANFASHION.NET berichtet Gerda Buxbaum über ihre Motivationen, Mode stets "im Kontext" thematisieren (die von ihr initiierten Hetzendorfgespräche bemühen sich 2009 um das Thema "Mode & Text") und über ihre Wahrnehmung des cirque de la mode überhaupt.

Direktorin Dr. Gerda Buxbaum
AUSTRIANFASHION.NET: Seit 1999 stehen Sie der Modeschule Wien im Schloss Hetzendorf vor, die Hetzendorfgespräche fanden erstmals im Jahr 2000 statt. Offenbar war Ihnen der Auf- und Ausbau eines moderelevanten Theoriediskurses ein besonderes Anliegen?
Gerda Buxbaum: Meine Idee beruhte darauf, dass ich an eine Schule gekommen bin, wo fix zugeordnete Gegenstände im Bereich Mode unterrichtet werden. Ich fand, dass das alles zu eindeutig Mode war und zu wenig "Mode im Kontext". Das heißt, die Leute sitzen hier, in diesem Schloss, und nicht an einer Universität, wo daneben die ArchitektInnen, die GrafikerInnen, die KeramikerInnen usw. arbeiten; sie haben also nicht dieses Umfeld, sondern arbeiten "isoliert" mit Mode. Und so wollte ich ihnen von Anfang an mindestens einmal im Jahr vorführen, dass Mode immer mit anderen kulturellen Phänomenen in Verbindung steht. Einerseits als Ergänzung zu den Unterrichtsgegenständen, andererseits wollte ich Schloss Hetzendorf zu einem Ort des Diskurses machen, wo über Mode diskutiert wird, wo WissenschaftlerInnen, AusstellungsmacherInnen, DesignerInnen, TheoretikerInnen, PhilosophInnen, ArchitektInnen und TechnikerInnen Vorträge halten und mit den SchülerInnen diskutieren, ihnen neue Impulse geben. Manche SchülerInnen hatten durch diese Vorträge wahre Aha-Erlebnisse für ihre Arbeit. Mir ist es auch ein großes Anliegen, unterschiedliche Sichtweisen zu vermitteln – deshalb wechsele ich auch die künstlerischen LehrerInnen des Bakkalaureatsstudiums jedes Jahr. Das heißt, im Laufe des dreijährigen Studiums durchlaufen die StudentInnen drei verschiedene Sichtweisen und Methoden.
AF: Wozu raten Sie als Pädagogin jungen ModeabsolvenInnten: zum Gang in die Selbständigkeit mit einem eigenen Label oder zur Arbeit in einem großen Haus als AssistenzdesignerInnen?
GB: Ich habe immer wieder erfahren, dass das je nach Persönlichkeit der SchülerInnen oder StudentInnen ganz unterschiedlich ist. Manche fühlen sich wohler in einer Gruppe oder wollen zunächst auf Nummer sicher gehen und heuern erst einmal als Junior Designer in einem großen Unternehmen an. Andere haben mehr Power oder Selbstbewusstsein und schließen sich oft mit einem oder zwei KollegInnen zusammen. Manche haben ein besonderes Feuer und die wahnsinnige Energie, die man haben muss, um sich nicht abschrecken zu lassen; die machen das sofort alleine. Erfahrungsgemäß wenden sich etwa 30 % unserer AbsolventInnen nach der Reifeprüfung von der Mode ab und studieren alles Mögliche, von Mathematik bis Jus oder Geschichte. Das ist für mich auch völlig in Ordnung, weil ich es wichtig finde, wenn so eine Entscheidung getroffen wird. Ich finde es ganz furchtbar, wenn SchülerInnen oder StudentInnen nur, weil sie eine Ausbildung angefangen haben, weiter darin "herumwursteln".


SHOW 2008 / IN BEWEGUNG
AF: A propos Interessensstreuung: In den heutigen Kulturwissenschaften wird Methodenvielfalt groß geschrieben. Ist Mode ein besonders nach Interdisziplinarität verlangender Gegenstand?
GB: Ich unterscheide immer zwischen zwei Modebegriffen. Einerseits ist die Mode das, was wir unter "Bekleidung" verstehen. Mode wird Bekleidung dann, wenn sie gekauft wird. Das übergeordnete Phänomen ist Mode als kulturelles Gestaltungsphänomen. Das heißt, alles was konkret und abstrakt in unserem täglichen Leben passiert, ist gestaltbar – sei es ein Tisch, die Literatur oder eine Haltung. Mode ist das übergeordnete System, vergleichbar der Kultur oder Wirtschaft, das in sich geschlossen und selbstreferentiell ist. Gleichzeitig ist Mode umgeben von einer begrifflichen Schwammigkeit, weil jeder zu wissen glaubt, was Mode ist, und keiner weiß es aber wirklich. Man denkt viel zu wenig daran, dass, wie Boris Groys geschrieben hat, gilt: "Mode ist das Neue." Mode ist Synonym für das Unbekannte und entspricht der menschlichen Begierde nach Abwechslung und Anpassung. Das ist ja auch sehr ambivalent, denn Mode beinhaltet immer diese beiden Polaritäten. Und das Neue ist immer gleichbedeutend mit dem Fremden. Deshalb gibt es ja in der Mode immer wieder diesen Hang zum Exotischen, zu unbekannten Dingen. Im Global Village spielt das vielleicht eine geringere Rolle, aber früher war alles, was aus Asien, Indien, Afrika gekommen ist, ganz großartig. Mode braucht auch immer den Schock, le choc, einen wirklichen Hammer, über den sich zunächst alle entsetzlich aufregen. "Das ist furchtbar, das ist doch nichts, das kann so doch keiner tragen."
AF: Das Skandalöse somit als der Mode inhärentes, wesentliches Merkmal?
GB: Ich vergleiche das gerne mit dem ersten Auftauchen der Zwölftonmusik im 20. Jahrhundert. Auch in der bildenden Kunst ist man sehr viel früher von der Harmonie abgegangen und hat störende Elemente eingebaut, wie im Kubismus usw. In der Mode kam es erst viel später dazu, eigentlich erst mit dem Dekonstruktivismus. Einer der Gründe für dieses späte Auftauchen der Disharmonie in der Mode ist, dass ihre wichtigste Triebkraft die sexuelle Attraktivität ist. Da kommt man mit dem, was DesignerInnen wie z. B. Comme des Garçons gemacht haben – mit einer Silhouette, die das klassische ästhetische Bild einer Frau oder eines Mannes zerstört –, nicht sehr weit. Die 80er Jahre, auch Martin Margiela oder die Antwerp Six, haben sicherlich einen großen Einfluss darauf gehabt, dieses klassische Bild zu zerstören.
AF: Mode ist im Grunde allgegenwärtig, schließlich verlässt man die Heimstatt nicht unbekleidet, wenn man in die Öffentlichkeit tritt.
GB: Ja, aber diese Schutzfunktion ist in der Mode viel weniger ausgeprägt, als man oft glaubt. Eigentlich geht es, um die Sprache des Tierreiches zu gebrauchen, um die Paarung. Der Schutz ist heutzutage in der westlichen Mode nur mehr ein Thema in der Arbeitskleidung oder bei einer bestimmten Signalwirkung und vielleicht bei Regen- oder Wetterschutz, aber das alles ist absolut sekundär, weil Logik oder Bequemlichkeit in der Mode nie eine Rolle spielen.
AF: Über Mode werden Geschlechterrollen konstruiert und definiert. Was für eine Rolle spielt Mode "als Politikum", im öffentlichen Raum?
GB: Wenn Sie sich einen relativ neuen Begriff wie fashioning architecture anschauen, also die Architektur für Modefirmen, oder Gebäude, die fashionized sind, weil sie mit großflächiger Reklame überzogen sind, dann ist Mode ununterbrochen präsent im öffentlichen Raum – durch Farben, durch Formen etc. Wenn Sie in New York, Paris oder London – in echten Modestädten also – durch die betreffenden Bezirke gehen, sind Sie mit einem 360°-Panorama Mode konfrontiert. In Österreich ist das weniger der Fall, weil Mode in Österreich kein Thema ist, auch historisch bedingt: die Habsburger, die dominante Kirche, die Moral. Sexualität, Luxus und Freiheit, Körperbewusstsein haben hier nicht so eine Entwicklung durchgemacht wie etwa in Italien, wo auch die geographische Lage eine Rolle spielt.

"Fashion in Context", hg. von Gerda Buxbaum, erscheint im Springer Verlag und versammelt Beiträge aus 10 Jahren Hetzendorfgesprächen
AF: Im Geleitwort zur Buchpublikation, die anlässlich der 10. Hetzendorfgespräche erscheint, verleihen Sie Ihrem Wunsch Ausdruck, das Symposion möge einen Diskurs zwischen Kreativen, TheoretikerInnen, JournalistInnen stiften. Ist das gelungen?
GB: Es gehören ja immer mehrere Leute dazu, um einen solchen Diskurs am Leben zu erhalten, wobei es durchaus Institutionen und Modeplattformen gibt, die das tun. Das Motto muss auch hier lauten: "Gemeinsam sind wir stark". Man denke nur an die italienische Mode, die nach dem Weltkrieg aus dem Boden gestampft wurde. Italienische Mode war ja in der Geschichte nie ein Faktor und wurde erfunden, als alle an einem Strang zogen. So wären auch bei uns mehr öffentliche Institutionen notwendig, um sichtbar zu machen, dass Mode eben nicht nur etwas ist, das man halt irgendwie mitbedient und mit ein bisschen Geld besprenkelt wie frische Tulpen, sondern man müsste massiv fördern und auch wirklich gute Leute in den Jurys sitzen haben. Ich habe gerade erst erfahren, dass in Holland die AbsolventInnen jeder Designschule oder -universität die ersten ein oder zwei Jahre nach dem Studium 500 Euro im Monat und ein Atelier erhalten – das fehlt bei uns auch total. Dabei handelt es sich ja immer um den springenden Punkt: wo finde ich ein Atelier, und wo finde ich Leute, die nähen. Eine solche Förderung würde sich absolut auszahlen.
AF: Sitzen oft genug die richtigen, wichtigen Leute um denselben Tisch, um Modethemen zu diskutieren?
GB: Durchaus, auch die Tourismusseite ist da vertreten. Aber oft fördert man doch eher Kunst und Theater, also Bereiche der klassischen Hochkultur. So stellt sich einfach Österreich im Ausland dar. Statt eines Designmuseums verkauft man sich über Schönbrunn. Ein banales Beispiel: Das Team von Austria's Next Topmodel ist nach Hetzendorf gekommen und wollte hier das Finale drehen. Und ich habe sie gefragt: wieso? Wieso soll aus Österreich wieder nur das 17. Jahrhundert gezeigt werden, statt einer Fabrikshalle oder eines Museums zum Beispiel. Solange sich diese Art der Darstellung nicht ändert, können wir trommeln, so laut wir wollen.

Schloss Hetzendorf Front

Spiegelgalerie
AF: Die kommenden Hetzendorfgespräche thematisieren die Verbindung "Mode & Text". Welche Aspekte werden zur Sprache kommen?
GB: Die Idee war, endlich einmal zu diskutieren, wie Mode eigentlich geschrieben wird. Wie sie in verschiedenen Medien betextet wird. In meinem Beitrag betone ich die Tatsache, dass sich Mode, über die man nicht schreibt, nicht verkauft. Menschen brauchen auch eine Information zum Bild, die sehr stark variieren kann. Das Thema ist, wie mit Sprache umgegangen wird und in welchen Sprachen sich Mode ausdrückt. Unsere SchülerInnen werden gängige Begriffe in vier Sprachen, in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch, vergleichen und auf Bedeutungsverschiebungen hinweisen. Es wird auch um Geschichte gehen, über die Entwicklung des Schreibens über Mode seit dem Auftauchen von Modezeitschriften Ende des 18. Jahrhunderts. Wolfgang Müller-Funk wird sich als Germanist des Themas annehmen. Und Birgit Richard, die endlich unserer Einladung folgen konnte, wird den Aspekt thematisieren, wie im Internet von Jugendlichen mit Modesprache umgegangen wird.
AF: Sie selbst haben über "Gesellschaftskritik in Wiener Modezeitschriften des 19. Jahrhunderts" dissertiert. Ein Ausblick auf die gegenwärtige Situation?
GB: Ich versuche immer, ein bisschen herumzulesen, englischsprachige, französische, italienische Medien miteinander zu vergleichen, ihre Schreibweise und Themenauswahl. Auffällig ist, ist dass man sich in Österreich sehr bemüht, attraktiv zu sein und leider sehr viel nicht-österreichische Mode zeigt. Mein Kritikpunkt ist der, das ist aber zugleich mein Kritikpunkt am österreichischen Kulturjournalismus insgesamt, dass man sich zu wenig mit Abläufen und Prozessen beschäftigt und des oft zu sehr in die Richtung eines Adabei-Journalismus geht. Ich sehe das auch bei der Berichterstattung über unsere Modenschau jedes Jahr. Man geht zu wenig auf die Inhalte ein und setzt sich zu wenig mit den Konzepten der jungen Modemacher auseinander.


Modeschule Wien in Schloss Hetzendorf
Hetzendorfgespräche Programm
(DK)
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