
Ein Gespräch mit CIS-Geschäftsführer Eberhard Schrempf zum Designmonat Graz
Kreativität ist ein allerorts gerne ausgespielter Standortfaktor, wenn es um das Generieren von Sympathiepunkten bei einem interessierten Publikum geht. Allerdings hat man längst erkannt, dass die Kreativindustrie zugleich ein bedeutsamer Zweig der modernen Ökonomie ist, wie sie sich im Rahmen einer kopflastigen Wissensgesellschaft darstellt. Also werden in vielen Regionen von den EntscheidungsträgerInnen Fördergesellschaften und Netzwerke ins Leben gerufen. In der Steiermark existieren seit 2007 die Creative Industries Styria (kurz CIS), denen der ehemalige Graz 2003 Geschäftsführer Eberhard Schrempf vorsteht. In nicht ganz zwei Jahren wurde ein umfassendes Leistungsportfolio erarbeitet, um kreative und klassische Wirtschaft in der Region einander näherzubringen. Für 2009 ist es gelungen, den sehr umfassenden Designmonat Graz als Schirm über einige bestehende Veranstaltungen zu spannen und durch geschaffene Synergien größere Breitenwirkung zu erzeugen. Rechtzeitig zum Start des Designmonats, der am 23. April mit dem von der CIS ausgerichteten Showroom Styria im Rahmen der Lebensart-Messe eröffnet wird, trifft AUSTRIANFASHION.NET Eberhard Schrempf zum Gespräch.
AUSTRIANFASHION.NET: Sie stehen der seit 2007 bestehenden Gesellschaft CIS (Creative Industries Styria) vor. Wie umreißen Sie Aufgabenpalette und Wirkungsabsicht der CIS?
Eberhard Schrempf: Die CIS wurde auf Basis einer Studie gegründet, die für den Großraum Graz durchgeführt wurde: Sie hat zutage gefördert, dass rund 40.000 Menschen im Ballungsraum im Feld der Kreativwirtschaft tätig sind und dass die Bruttowertschöpfung 1,5 Milliarden € beträgt, das sind rund 14 % der gesamten Bruttowertschöpfung der Region. Sie hat auch gezeigt, dass über 12 % aller Beschäftigten im Feld der Kreativwirtschaft tätig sind. Zunehmend wird bei uns Innovation gefördert und forciert, auch im Bildungswesen. Graz hat sechs Universitäten und ist seit jeher kulturelles Zentrum, nicht erst seit dem Kulturhauptstadtjahr 2003; dank seiner Architekturszene, dem Steirischen Herbst, der Literatur. All diese Faktoren unterstreichen, dass hier ein gutes kreatives Milieu herrscht. So hat die steirische Landesregierung gemeinsam mit der Stadt Graz beschlossen, dass die Kreativwirtschaft ein Stärkefeld ist, das es weiter zu entwicklen gilt, um auf dem Weg von einer Produktions- hin zu einer Wissensgesellschat Standortvorteile auszubauen. Es ist ja ganz klar, und das gilt für ganz Europa, dass wir in der Produktion nicht mehr reüssieren können, sondern nur mehr im knowledge-based Bereich, dass also "Kopfarbeit" in Zukunft immer wichtiger werden wird.

Eberhard Schrempf, CIS - Geschäftsführer
AF: Der Devise "Think local, act global" folgend, welche Standortvorteile bietet Graz?
ES: Graz und die Steiermark verfolgen strategisch einige Stärkefelder, und die Kreativwirtschaft ist eines davon. Die Betonung auf die wirtschaftliche Ausrichtung ist dabei sehr klar. Zugleich geht es darum, ein möglichst gutes kreatives Klima zu schaffen – und zwar das gesamte Spektrum vom Experiment bis zur Forschung abdeckend, auch nach dem Motto "Scheitern erlaubt!", was ganz wichtig ist. Aus diesem besonderen Klima können besondere Ideen entstehen, die wiederum zu Innovationen weiterentwickelt werden. Die Denkarbeit soll dabei ein möglichst breites Spektrum abdecken und auch Bereiche wie die Nanotechnologie oder die Biotechnologie miteinbeziehen, genauso wie die sogenannten klassischen Bereiche der Kreativwirtschaft.
AF: Man setzt also auf das Vorhandene und forciert das Neue. Wie beurteilen Sie als Geschäftsführer von Graz 2003 die Nachwirkungen des Kulturhauptstadtjahres?
ES: Das Wichtigste ist das Selbstbewusstsein der hier lebenden Menschen. Das Ziel, sie ein Jahr lang ins kulturelle Zentrum Europas zu rücken, hat einen unglaublichen Schub im Selbstbewusstsein und Selbstverständnis, in der Wertschätzung ihrer eigenen Stadt und dem Umgang mit Kultur verursacht, und es ist eine enorme Offenheit entstanden. Es ist klar, dass nach einem so intensiven Jahr wie 2003 der Hype zunächst abflaut, aber der Hunger nach Kultur ist geblieben. In den letzten Jahrzehnten hat sich Graz eine Position erarbeitet, die schließlich in der Rolle als Kulturhauptstadt gipfelte. Hier sind Dinge möglich, die anderswo überhaupt nicht möglich sind.
AF: Die da wären…?
ES: Graz ist durch seine Offenheit sozusagen leidensfähiger, hat durch die vielen Jahre mit dem Steirischen Herbst als Avantgardefestival in seiner Geschichte unglaublich viele Projekte mitrealisiert, die in anderen Städten nie und nimmer möglich gewesen wären. Somit wurden seine EinwohnerInnen anders "kulturell kontaminiert".

AF: Graz bewirbt sich als Kandidatin für das Unesco Creative Cities Network, und zwar als City of Design. Warum Design und nicht Literatur, Musik oder Gastronomie? Welche Erwartungen verbindet man mit einem solchen Städtenetzwerk?
ES: Zum Einen erweitert es den Radius und setzt fort, was mit der Kulturhauptstadt begonnen wurde. Man kann auch sagen, dass es sich um einen Haltegriff in der weiteren Entwicklung der Stadt handelt. Graz ist vielleicht keine klassische Designstadt, aber es gibt sehr gute Ausbildungsmöglichkeiten, die man auch weiterhin forcieren wird. Die Studiengänge sind zwischen 10 und 15 Jahre alt und man merkt, dass diese jungen Talente mit einer unglaublichen Energie und einem zum Teil sehr sympathischen Zugang am Markt präsent sind. Der zweite Aspekt ist natürlich der Designbegriff selbst, also die Frage, worüber man im Rahmen einer "City of Design" spricht. Design muss hier sehr weit gefasst werden, im Sinne von Gestalten und Entwicklung. Design betrifft in diesem Begriffsfeld alle Lebensbereiche und hat nicht nur mit Styling und Oberflächenbehübschung zu tun, sondern bedeutet breit angelegte Entwicklungsarbeit. Die Stadt setzt sich damit selbst eine Latte, was ganz wichtig ist, und zwar nicht nur im Sinne der Unesco, also der Offenheit der Kulturen und des Umgangs miteinander, sondern indem man sich verpflichtet, Design in der städtischen Agenda ganz weit oben anzusetzen.

AF: Für eine gedeihende Kreativszene ist der Aspekt ökonomischer Hilfestellung nicht ganz unbedeutsam: In der Steiermark vergibt die SFG die Kreativförderung "Einfalls!Reich". Welche Rolle nimmt die CIS in diesem Rahmen ein?
ES: Die CIS hat eine sehr wichtige Funktion als Plattform, Interface, Anwalt der Kreativen. Schließlich sprechen die Kreativen zum Teil eine andere Sprache als die Verantwortlichen in der klassischen Wirtschaft oder der Politik. Die steirische Wirtschaftsförderung ist für uns nicht nur direkte Muttergesellschaft, sondern auch ein wichtiger Partner. Was mir besonderes gut gefällt, ist, dass wir nicht als Förderer auftreten, sondern als Netzwerk viel freier agieren können. Es gibt sozusagen die Förderrichtlinien und Förderexperten in der SFG, und es ist für uns als Netzwerkorganisation um vieles angenehmer als etwa für departure, die selbst Förderer sind. Wir können bei der SFG Projekte einreichen, wir nehmen die Kreativen bei der Hand, wir können auch ein erster Filter sein und die Kreativen für die weitere Vorgehensweise beraten. Wir wissen natürlich auch, was am Markt los ist und wo sich etwas bewegt, so dass wir zugleich der SFG gut zuarbeiten.
AF: Sind also die Kreativen im Umgang mit der CIS vielleicht unbefangener, weil sie nicht selbst die Gelder vergibt?
ES: Das ist zwar ein bisschen ungewöhnlich, aber auch sehr sympathisch, weil wir dadurch um einiges näher an der Kreativwirtschaft sind und sich die Kreativen mit uns sehr wohlfühlen. Wir haben kürzlich auch einen wichtigen Schritt erwirkt. Das Programm ist insofern ausgeweitet worden, als bis vor kurzem Unternehmer mit Kreativen quasi im Huckepack kommen mussten, und jetzt ist es dank unserer Intervention möglich, dass Förderungen an Kreative direkt vergeben werden und dass auch Eigenleistung förderbar ist. Viele brennen für ihr Projekt dermaßen und sind so obsessiv unterwegs, dass sie in die Selbstausbeutung gehen. Gerade bei den Kreativen ist es wichtig, dass ihr Engagement auch einen Wert hat.
AF: Auf der Homepage der CIS findet man eine Datenbank mit Profilen von VertreterInnen der Kreativwirtschaft. Kann sich hier jedeR eintragen?
ES: Ja, wir prüfen zwar den Ersteintrag, weil uns wichtig ist, dass die Qualität stimmt, dann ist es aber ein Open Source Tool, wo auch Portfolios publiziert werden können. Wir entwickeln das Angebot ständig weiter. Derzeit sind etwa 350 Kreative gelistet. Ein möglichst differenziertes Suchen und Finden in den verschiedenen Dienstleistungsbereichen soll möglich sein, vor allem auch für die klassische Wirtschaft. Diese Datenbank dient dazu zu zeigen, wie breit das Spektrum in der Kreativwirtschaft ist. Es ist ein ambitioniertes Vorhaben von uns, dieses Werkzeug weiter zu verbessern und auszubauen.

AF: Ab Ende April findet zum ersten Mal der Designmonat Graz statt, ein weit über die Landesgrenzen ausstrahlendes Event. Was ist das Anliegen, und welche Schwerpunkte sollen gesetzt werden?
ES: Dabei handelte es sich um einen ersten Versuch. Bei solchen Dingen ist natürlich die Gefahr da, dass diejenigen, die schon seit Jahren als Veranstalter Programm machen, sich übergangen fühlen oder befürchten, ihre eigene Identität zu verlieren. Genau das sollte aber vermieden werden. Wir wollen einen Schirm aufspannen und einen Zeitraum definieren, um alle unter diesen Schirm einladen zu können und ihnen zu sagen: Bündeln wir unsere Energien. Jeder ist aber, wer er ist, und bleibt für seine Inhalte und sein Programm verantwortlich. Die Veranstaltung sollte so komponiert werden, dass sie für das Publikum konsumierbar bleibt. Ursprünglich hatten wir daran gedacht, eine Designwoche durchzuführen, mussten aber bald erkennen, dass für einen so kurzen Zeitraum zuviel an Programm da ist. Das Ergebnis ist, dass sich fast täglich jemand meldet und anfragt, ob die Teilnahme noch möglich ist.

Eröffnungsfest
24.April, Dom im Berg
AF: Im Rahmen der Messe Lebensart organisiert die CIS den Showroom Styria? Liegt hier der Schwerpunkt auf Industrial Design?
ES: Auf Industrial Design, Produktdesign, Möbel, Packaging. Außerdem werden die beiden Studiengänge Industrial Design und Informationsdesign an der FH Joanneum präsentiert. Wir haben rund 50 Arbeiten der letzten drei Jahre versammelt: Sie alle zeigen, dass in der steirischen Landschaft neben den etablierten Designstudios auch eine junge Szene da ist, die sehr innovativ unterwegs ist. Darum ist auch die Messe Lebensart ein gutes Setting, weil sie sich an ein breites Publikum wendet. Wir richten dort eine Art Sonderausstellung aus. Das ist ein wesentlicher Schritt, durch den viel Sensibilisierungsarbeit geleistet werden kann. Wir möchten den Designbegriff kontinuierlich senden, dabei aber auf einem hohen Qualitätsniveau bleiben.

23. - 26. April, Messehalle A
AF: Im Bereich des Modedesigns stellt sich die Situation in der Steiermark ein wenig anders dar, schon aufgrund der Situation im Ausbildungsbereich.
ES: In Graz haben wir eine Modeschule, wo eine sehr solide technische Ausbildung angeboten wird und aus der auch gute Leute hervorgehen. Es gibt eine Modeszene, die ununterbrochen wächst. Das Problem in der Steiermark oder in Graz im Speziellen ist eher, dass ein breiteres Publikum fehlt, das sie stützen würde. Da ist Wien ein besserer Boden, und viele unserer DesignerInnen im Mode- und Accessoirebereich haben zwei Standbeine. Sie sind aber trotzdem ermutigt, den Standort Graz nicht aufzugeben, sondern im Gegenteil mit uns gemeinsam zu versuchen, den Bereich auszubauen.
AF: Es gibt ja durchaus einige "exilsteirische" DesignerInnen mit internationalem Profil. Beobachten sie diese von Graz aus, auch wenn sie in Wien oder in Mailand sitzen?
ES: Absolut, wir tun das auch im Industriedesign, wo sehr viele AbgängerInnen international tätig sind. So wurde etwa der neueste Audi A5 von einem Grazer Absolventen gestaltet. Im Modebereich sind wir noch nicht ganz so weit, aber wir haben damit begonnen, die Szene in ihrer Heterogenität zu erfassen. Kommunikation und Networking haben bereits begonnen, wobei es auch hier zwei Strömungen gibt. Die eine ist eher experimentell und kunstlastig, die andere stärker daran interessiert, mit der Mode Geld zu verdienen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

14. - 17. Mai, Designzone Annenstraße
AF: Könnte man zusammenfassend sagen, dass die langrifstige Wirkungsabsicht von Initiativen wie dem Desingmonat eine größere Sensibilisierung in mehrerlei Hinsicht ist. Auch, um den Standort Graz für VertreterInnen der Kreativwirtschaft attrakttiver zu gestalten?
ES: Das ist überhaupt der Vorteil in einer Stadt wie Graz, dass wir nämlich relativ wendig sind und dass Entwicklungen schnell sichtbar werden. Zum Beispiel konnten wir "assembly -Designzone Annenstraße" im letzten Jahr mit Unterstützung der CIS einer sehr breiten Öffentlichkeit vorstellen. Das Medienecho hat sich von der Kulturberichterstatttung hin in die Chronik oder sogar den Wirtsschaftsteil verlagert. Wir sprechen hier ja ein konkretes städtisches Thema an, mit den leerstehenden Geschäftslokalen in der Annenstraße, die vergleichbar ist mit der ehemaligen Situation der Mariahilferstraße. Mit einem Festival wie assembly – das selbst auf zwei Beinen steht, nämlich der Mode und dem Produktdesign – kann in Graz sehr viel geleistet werden. Ich glaube auch, dass es ein Publikum gibt, um wieder auf das Thema der Offenheit und des Selbstbewusstseins zurückzukommen, und dass man es auch im Design abholen kann. Das ist ein bisschen wie in der Kunst, wo die Grazer alle nach Wien fahren und in Wiener Galerien einkaufen: das ist ein bekanntes Problem. Und mit der Mode ist es so ähnlich, weil viele glauben, dass in Wien, Hamburg, Berlin, Barcelona – wo auch immer – alles automatisch besser ist.
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(DK)
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