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Extreme Positionen

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Wendy & Jim über Mode in Wien und anderswo


Seit ziemlich genau einem Jahrzehnt werken Helga Schania und Hermann Fankhauser als modemachendes Duo Wendy & Jim. Anfang des Jahrtausends waren sie gar die ersten Österreicher in Paris nach Helmut Lang. Dort machten sie sofort mit dem neu eingeführten Präsentationsmodus der Still Performance Furore. Ihr kongenialer Labelname stehe, so Helga und Hermann, stellvertretend für Normalos beiden Geschlechts, die Mode für Normalos beiden Geschlechts machen. 2008 wurden Wendy & Jim als Österreicher des Jahres im Bereich der Kreativwirtschaft ausgezeichnet – mit ihrer Jeanslinie New H Denim bemühen sie sich derzeit um eine breitenwirksame und kommerzkompatible Weiterführung des Renommees von Wendy & Jim. Und Letzteres ist unter internationalen Szenekennern beachtlich. Im ausführlichen Interview mit AUSTRIANFASHION.NET kurz vor der Präsentation ihres von langer Hand geplanten Hell & Wendy & Jim Kooperationsprojektes mit DJ Hell im Showroom der Berliner Projektgalerie erzählen die beiden von ihren Pariser Erfahrungen, ihrer Affinität zu Wiener Räumen und warum sie es schade finden, dass ein nicht wienerischer Gastprofessor die Modeklasse an der Universität für Angewandte Kunst leiten wird.


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AF: 1999 wart ihr die ersten Österreicher in Paris nach Helmut Lang. Wie hart ist es, sich dort durchzusetzen und wie wichtig, kontinuierlich präsent zu sein?

Hermann Fankhauser: Grundsätzlich ist es nicht so schwierig, dort zu zeigen, aber immer wieder zu zeigen, das ist schwierig. Die Herausforderung besteht darin, sich über einen gewissen Zeitraum zu halten. Man wird auch erst nach einer gewissen Zeit wahrgenommen, und noch später wird man dann auch ernstgenommen.

HS: Am Anfang war es auch schwierig, weil wir die einzigen aus Österreich in Paris waren, während es aus einem anderen Land zum Beispiel fünf Designer gab und man uns mit niemandem vergleichen konnte. Manche fanden uns interessant und hätten aber die Möglichkeit eines Vergleichs gebraucht. Als dann drei Jahre später andere österreichische Labels in Paris aufgetaucht sind, waren wir wieder zu stolz, um uns mit denen, die gerade anfingen, auf dieselbe Stufe stellen zu lassen.


AF: Mittlerweile ist ja Paris geradezu explodiert…

HS: Wir haben uns in letzter Zeit ein bisschen von Paris befreit, weil es auf einmal diese komische Entwicklung gegeben hat. Seit wir angefangen haben, und das ist mit zehn Jahren jetzt auch wieder nicht so lange her, gibt es auf einmal doppelt so viele Shows pro Woche und einen unglaublichen Druck, weil manche Labels nur dank einem fetten Investor existieren und nicht wirklich für gute Mode stehen. Das wirft wieder die Frage auf, ob eine Show in Paris wirklich das einzig Richtige ist.


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AF: War die Show eurer H/W 2009 Kollektion "Homerun" in Wien eine Ausnahme, weil sich die Möglichkeit geboten hat? Oder ist das auch ein mögliches Modell für die Zukunft: Show in Wien, Showroom in Paris?

HS: Wir haben schon einmal darüber nachgedacht und darüber, wie wir die Location und alle Details bestimmen, wenn wir in Wien eine Show machen. Aber im Fall von Homerun sind wir einen Kompromiss eingegangen: Bei der Präsentation waren nur die Kollektion und die Musik von uns. Wir haben auch gemerkt, als wir über eine Show in Wien nachgedacht haben, dass wir einen Hang zu Wiener Locations haben und dass uns hier sofort interessante Räume einfallen würden. In Paris sind wir immer auf der Suche und stoßen oft an Grenzen, weil wir die Räume zu französisch finden. Ideal wäre es, für eine Show Wien nach Paris zu transportieren.


AF: Ihr seid amtierende Österreicher das Jahres im Bereich der Kreativwirtschaft: Was, abgesehen von der Ehre und einem TV-Auftritt, bringt so eine Auszeichnung?

HS: Das war schon ganz interessant, wobei wir anfangs auch nicht genau wussten, was wir uns davon erwarten konnten. Aber es waren einfach extrem viele Industrielle unter den Gästen der Gala, und das hat zum Beispiel zu Kooperationen mit Stofffirmen geführt oder zu ein paar Aufträgen, die ganz interessant sind.


AF: Wurden dadurch Networking-Türen geöffnet?

HF: Genau, man wird plötzlich in einen anderen Kontext gesetzt. Solche Veranstaltungen sind nicht zu unterschätzen, weil sie ganz bestimmte Zielgruppen ansprechen.


AF: Ist es also manchmal besser, wenn die Mode nicht allein für sich steht?

HS: Wirtschaft kam mit der Mode auf eine Art in Kontakt, wie das sonst selten der Fall ist. Wirtschaftstreibende lesen zwar vielleicht die Kulturseiten einer Tageszeitung, aber bei der Gala wurden wir nochmals auf eine andere Weise wahrgenommen.


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AF: Ihr wart die ersten überhaupt, die mit einer Still präsentiert haben. Wie wichtig ist eine gelungene Präsentation für den Erfolg einer Kollektion?

HF: Extrem wichtig, weil es sich dabei um die letzte Möglichkeit handelt, ungefiltert an die Öffentlichkeit zu treten. Das ist wie ein Werbespot, den man sich kauft, wo niemand eingreifen kann und bei dem man selbst Art Director ist. Alles, was von da an passiert, machen andere Leute, die wieder ihre eigene Welt und Sichtweise einbringen und das Ganze zerlegen.

HS: Für uns ist es auch deshalb wichtig, weil uns das großen Spaß macht. Teilweise mehr, als wenn man sich auf reine Modeschauen beschränkt.

HF: Wichtig ist, dass die Möglichkeit der Abwechslung gegeben ist. In Paris gibt es Spielregeln, und die muss man einhalten oder wenigstens den Leuten das Gefühl geben, dass man weiß, worum es geht. Wenn man immer nur Still Performances macht, dann bleibt man immer klein. Man muss also das Gefühl vermittlen, dass man größer wird und wächst und so die Leute zufriedenstellen: weiterkommen und versuchen, die Spielregeln umzudrehen. Da gilt es dann, die richtige Dosierung zu finden.


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AF: Spielt der Gedanke an die Präsentationsform schon beim Entwerfen eine Rolle?

HF: Natürlich geht es darum, dass wir die Kleidung nicht speziell für die Performance machen, sondern unsere Absicht darüber hinausgeht. Deshalb haben wir z.B. auch "Couture House" konzipiert, wo die Installation ein Tool war, die Kleidung zu verstärken oder anders darzustellen. Im Endeffekt geht es um die Kleidung, und da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine Überlegung war, dass das Publikum während der Modewoche in Paris wenig Zeit hat: Deshalb haben wir an eine Still Performance gedacht haben, wo jeder selbst bestimmen kann, wie lange er bleibt.


AF: Wie schwer ist es für ein Avantgardelabel, Zuspruch der Presse und symbolisches Kapital in ökonomischen Erfolg zu verwandelnt?

HS: Da wissen wir selber noch nicht, wie das geht; das kannst du uns in ein paar Jahren noch einmal fragen.


AF: Ist New H Denim der Versuch, ein kommerzkompatibles Produkt aufzubauen? Geht ihr dafür andere Vertriebswege?

HF: So ist es angedacht. Da geht es wirklich darum, länderspezifische Agenten zu finden, während wir bei der anderen Kollektion nur zwei haben, mit denen man unmöglich alle Regionen weltweit bespielen kann. Bei der Jeanslinie soll es so sein, dass in Deutschland, Italien, Skandinavien; Australien, Japan, den USA und Kanada, mehr Shops mit eigenen Agenten und dadurch eine größere Käuferschicht erreicht werden.


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AF: Wendy & Jim geht parallel dazu weiter?

HF: Auf jeden Fall, weil sich davon ja auch das Image ableitet.

HS: Am liebsten würde ich das Ganze unabhängig von Geld machen. Es wäre schön, wenn man einfach die Möglichkeit hätte, alle Ideen umzusetzen. Sobald man in Richtung Parfum oder Brillen gehen will, entscheidet aber nur mehr die Masse.


AF: Charakteristisch an der Mode ist, dass es nicht um das Schaffen schöner Unikate geht?

HF: Eben, und sonst hat es keinen Sinn, weil man es nur für sich selber macht. Natürlich könnten wir ein Parfum machen, aber eine Auflage von 3000 Flakons ist völlig uninteressant. Man hat dann zwar ein Parfum, aber nur als Hobby. Entweder richtig oder gar nicht.


AF: Beim Hearing für die Mode-Professur an der Universität für Angewandte Kunst habt ihr "Mode als Versammlung von Extremen" bezeichnet. Ist das programmatisch für eure Arbeit?

HS: Das war eher ein Slogan, die abgekürzte Fassung eines Gedankens: Dabei geht es ums Studium und um zwei Sachen. Einerseits um den Unterschied zwischen Modisch und Mode, zwischen Zara zum Beispiel und der Kollektion von einem guten Designer, egal welchem. Und um die Tatsache, dass Welten zwischen dem liegen, was du zum Beispiel bei Balenciaga bei der Show siehst und was du dann zu kaufen bekommst. Was man daran an Mode bezeichnet, das ist das Extreme. Und diese Formel wollten wir an die Studierenden richten. Weil wir glauben, dass man sich etwas trauen muss, um sichtbar zu werden. Man sollte mindestens auf etwas Extremes zustreben.


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AF: Ist es eine Chance der Ausbildungszeit, Möglichkeiten auszuloten?

HF: Wichtig ist, dass Studenten die Möglichkeit haben, ohne große Konsequenzen zu scheitern. Wenn man "da draußen" scheitert, kostet es gleich viel Geld, an der Uni nicht. Deshalb sollten die Leute sich viel mehr trauen und viel produktiver sein. Ich finde es eher problematisch, wenn man als Student in seiner Ausbildung ingesamt nicht mehr als zwanzig Outfits macht. Das Talent ist nach zwanzig Kleidern noch nicht augereift. Die Studierenden sollten bestenfalls an sich selber arbeiten, etwas ausprobieren. Es muss nicht immer nur um die ausgefeiltesten Roben gehen, sondern man kann sich auch einmal etwas Kurzfristiges vornehmen. Da sieht man dann sehr schnell, ob man Erfolg hat.

HS: Toll ist auch, dass man an der Uni einen ganzen Maschinenpark zur Verfügung hat. Es dauert eine halbe Stunde, ein T-Shirt zusammenzurattern, das man wie eine Skizze betrachten kann. Du kannst etwas ausprobieren, das über das Schöne und Nette hinausgeht. Wir haben uns ja schon während des Studiums kennengelernt und es war für uns selbstverständlich, weil wir diese Art des Arbeitens als Spaß empfunden haben. Wenn ich dann höre, dass manche Studenten heute stöhnen, weil sie sechs Outfits machen müssen, frage ich mich schon, wie das möglich ist. In Wirklichkeit müssten dreißig Outfits da sein, aus denen du dann sechs auswählen kannst.

HF: Es ging bei uns auch darum, dass wir immer gewusst haben: Wir wollen etwas verändern, wir wollen nach Paris gehen. Wir haben am Anfang gar nicht damit gerechnet, dass wir etwas verkaufen könnten. Uns war wichtig, unsere Sachen zu zeigen und damit ein Statement abzugeben. Dieser Drive fehlt mir bei vielen Studenten.

HS: Das war auch der Grund, warum wir bei den Hearings sehr auf die Inhalte geschaut haben und dann vielleicht ein wenig programmatisch gewirkt haben. Wir wissen einfach zu viel über die Uni und die Ausbildung. Bei unserem Studium war da zuerst Helmut Lang, der viel zu schnell wieder weg war, noch ehe man ihn verstehen konnte.

HF: Was er gemacht hat, war schon sehr gut. Wenn es in Wien schon eine ausgezeichnete Ausbildungsstätte gibt, dann sollte das Wissen der Stadt auch einfließen. Darum ist es ja unter ihm auch zu einem solchen Output gekommen.

HS: Er hat zum Beispiel zu uns gesagt, dass wir die alten Geschäfte absuchen sollten. Eigentlich ist das Wort "Research" in der Form erst durch Helmut in der Modeklasse aufgekommen. Vorher hat das einfach bedeutet, ein Buch aufzuschlagen.

HF: Wenn Helmut von einem Rot geredet hat, haben alle, die Wien kennen, das gleiche Rot gesehen. Und wenn jetzt jemand von außen kommt, dann versteht er die Stadt ja nicht so. Auch wenn er erstklassige Arbeit macht und ein toller Designer ist, bringt er sein Land mit. Und das, finde ich, geht nicht, wenn man erfolgreich sein will. Genau darum ist Antwerpen toll, weil man dort aus den eigenen Quellen schöpft und sich zum Beispiel auch nicht jemanden aus Amerika holt.


AF: Das heißt, Potenzial wird verschenkt, wenn man das örtliche Ambiente ungenutzt lässt?

HF: Genau, weil die Szene nur aus sich selbst heraus wachsen kann. Das ist wie bei einem Bürgermeister, der seine Stadt auch verstehen und ihre Vorteile kennen muss. Das sehe ich viel differenzierter als nur auf den Unibetrieb bezogen, der natürlich trotzdem weiterläuft.

HS: Das ist ja auch der Grund, warum wir immer noch hier wohnen: Weil wir hier von anderen Sachen umgeben sind als die anderen Designer, die wir international schätzen und sich insgesamt aus ähnlichen Quellen inspirieren. Genau da kann man eben sehr wohl einen Unterschied machen.


(DK)



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AW09/10 Home Run


ImageprojektGALERIE showrooms
1.- 3. Juli 2009
HOF 96, Torstraße 96, 10119 Berlin Mitte
















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Wendy & Jim
DJ Hell
projektGALERIE





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  Comments (3)
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Written by gregor, on 24-06-09 23:15
eine positiv gemeinte anmerkung : der/die erste nach Helmut Lang in Paris war Edwina Hörl , nicht W&J - davon abgesehen , dass Caroll Christian Poell und andere schon davor/dazwischen erfolgreich international tätig waren
Written by tina, on 25-06-09 09:46
zum Thema Angewandte: 
Research wurde auch schon bei Marc Bohan eingefordert. Westwood liess dann die Studenten die Museen durchforsten (profitabel auch in ihrer eigenen Arbeit).Grundsätzlich geht es bei einer Professur um gewisse Lebens-und Arbeitserfahrung und Ruf in der Branche. Da diese Stars jedoch immer rar sind, werden in den letzten Jahren Jungstars geholt, die oft nur einige Jahre am Markt existieren ( die letzten beiden, und der kommende), ob deren Erfahrungen dann denen von seinerzeit Sander, Bohan, Westwood,Castelbajac, Lang,... heranreichen, wage ich zu bezweifeln. Es geht ja darum, den Studenten Kontakte zu verschaffen und Spannendes aus den Erfahrungen zu vermitteln. Da reichen einige Jahre in der Branche nicht aus.
Written by Wendy&Jim, on 13-04-10 18:36
zu gregor: kann mich nicht erinnern, dass edwina jemals eine show oder performance in paris gemacht hat? und darum gehts eigentlich in unserer aussage 
 
zu tina: also bei marc bohan hab ich nix mitgekriegt von irgend einem research, hab ja schliesslich 2 jahre bei ihm studiert, der research bei westwood hat sich auf das kopieren von originalen aus den verschiedenen epochen beschränkt. und um was gutes weiterzugeben, muss man nicht erst 20 jahre im business sein!

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