
Monika Nguyen thematisiert paradoxen Suizid-Lifestyle in Japan
Auf den ersten Blick scheint alles klar: Wieder einmal hat ein Pop-Up-Store in Wien eröffnet. Diesmal besonders clever nicht in zentraler Lage, sondern subversiver - da abgelegener - in der Reindorfgasse in Rudolfsheim-Fünfhaus. Und tatsächlich, alles scheint zu passen: Hinter großen Glasscheiben sieht der bespielte Raum verdächtig nach White Cube aus, vom Boden bis zur Decke klinisch weiß, darin einige sorgsam übereinander gestapelte, weiß gepinselte Holzscheite, obenauf versehen mit schicken Glasplatten, die jedem Interiordesigner das Herz aufgehen lassen und Coffee Table beziehungsweise Bar darstellen. Daneben Kleiderstangen mit der obligatorischen Designerware inklusive Umkleidekabine, an den Wänden Modefotos. Dann jedoch das: die auf den ersten Blick ausschließlich ästhetisch wirkenden Modefotos bilden inszenierte Selbstmordszenerien ab, mitten im Raum hängen an weiß getünchten knorrigen Ästen und schweren Stricken Puppen, bekleidet mit schickem Gewand. Selbstmord in Rudolfsheim-Fünfhaus?

Nein, alles nur Fake. Monika Nguyen zeigt im „nadaLokal" die Rauminstallation „Aokigahara - Suicidal Lifestyle", die zum einen Bezug nimmt auf das in Japan grassierende Massenphänomen des Selbstmordes und insbesondere dessen Zelebrierung mittels makabrer Trends und Modeerscheinungen. Junge Menschen, die in Japan unter besonderem Leistungsdruck stehen, beschäftigt nämlich nicht nur die Frage, ob Margiela oder Balmain, sondern ebenso die Nachahmung gerade angesagter Todesarten - getreu dem Motto: Up-to date bis in den Tod. Doch wie, stellt sich die Frage, kommt eine in Österreich aufgewachsene Künstlerin dazu, sich mit einem solchen Thema auseinanderzusetzen? Monika Nguyen, die 2007 als Absolventin der Universität für Angewandte Kunst für ihre Abschlussarbeit den Preis der Kunsthalle Wien erhielt, erzählt: „Ich habe ein Jahr in Japan gelebt und saß auf einer Bustour in der Gegend des Mount Fuji neben einer Japanerin, die mir so nebenbei und ganz emotionslos erzählte, dass sich eben hier auch der riesig große „Aokigahara" - Wald befände, der ein beliebter Ort für Selbstmörder sei. Erschreckt hat mich dabei besonders die Beiläufigkeit, mit der sie dann beispielsweise erwähnte, dass man im Winter in diesen riesigen und dichten Wald hinein und mehrere Tage umherlaufe, um dann zu erfrieren."

Jacke: Wilfried Mayer Schmuck: Andrea Auer
Mit der Mode, so Nguyen, habe das japanische Suizidphänomen gemein, dass es von Trends beherrscht werde: So sei es eine Zeit lang angesagt gewesen, sich an bestimmten Orten von den Klippen zu stürzen. Schnell wechsele jedoch auch die bevorzugte Vorgehensweise hinsichtlich des Freitodes. Befeuert hat dieses Phänomen, das sich zu einer regelrechten Spielart des Lifestyle entwickelt hat, das Erscheinen entsprechender Literatur zum Thema und deren massenmediale Aufbereitung: So erschien 1993 in Japan das Selbstmordanleitungsbuch „The Complete Manual of Suicide" von Wataru Tsurumi, das zum Bestseller wurde und in der japanischen Ausgabe im Ausstellungsraum wie selbstverständlich neben anderen Lifestylemagazine ausliegen wird. Die Besucher, die der japanischen Sprache nicht mächtig sind, werden das Buch ohnehin nicht im Detail verstehen. Einer von mehreren fast nicht erkennbaren Störfaktoren, die Nguyen auch schon 2007 in ihre Arbeit „See(len)räuber oder „Durstig sein ist schlimmer als Heimweh"" einbaute: Darin thematisierte sie die Flüchtlingserfahrung einer in Wien lebenden vietnamesischen Familie, deren Wohnzimmer sie im „project space" der Kunsthalle aufbaute. „Im Vorderraum lief ein Interview, das ich mit ihr auf vietnamesisch geführt habe - allerdings ganz bewusst ohne Untertitelung" - und somit auf den ersten Blick für den der Sprache nicht mächtigen Besucher nicht direkt verständlich. Die ausgebildete Bühnen- und Filmgestalterin Nguyen brachte damals ihren persönlichen Background in ihre Arbeit mit ein: Ihre Eltern sind in den 1970er Jahren als vietnamesische Boat-People nach ihrer Flucht von Österreich aufgenommen wurden, Monika Nguyen wuchs allerdings in der Nähe von Baden nahe Wien auf.

Rock und Tank Top: Claudia Rosa Lukas Tasche: Hartmann Nordenholz
Auch bei ihrer aktuellen Arbeit handelt es sich wieder um eine Rauminstallation, in der sie sich allerdings erstmals auch mit österreichischer Mode auseinandersetzt. Aufgrund der Analogie zwischen der beschriebenen „Modeerscheinung" und einem Fashion Concept Store sei es für sie nahe liegend, Mode von einzelnen Designerlabels auszustellen und eben nicht Waren großer Textilunternehmen. Und so kooperiert sie neben ausgesuchten Schuhgeschäften mit einigen österreichischen (Mode)designerInnen, in deren Ateliers sie die Kleidungsstücke zum einen für die „Modefotos" und zum anderen die Kleiderstangen im Ausstellungsraum persönlich ausgesucht hat. Für die Modefotos stand Nguyen teilweise selbst Modell. Wie gut sich die Zusammenarbeit zwischen der Künstlerin und den teilnehmenden DesignerInnen inhaltlich ergänzt, wird klar, wenn auch die andere Seite, für die Japan einen nicht unwichtigen Absatzmarkt darstellt, zu Wort kommt.

Kleid: Hartmann Nordenholz Schmuck: Sonja Bischur
So betont Agnes Schorer vom Modelabel Hartmann Nordenholz, dass Mode innerhalb der japanischen Gesellschaft ein wichtiges Statussymbol darstelle: „Wir verkaufen sehr viel in Japan. Die Konsumentinnen dort sind sehr offen für Design, speziell für Design aus Europa und auch offener für weniger bekannte Marken." Hartmann Nordenholz haben ein Kleid aus der Sommerkollektion 2009, ihre „Circle-bag" aus schwarzem Leder und ein rotes Kleid aus der Sommerkollektion 2005 für die Fotografien ausgeliehen, für die Ausstellung hat Monika Nguyen neun Teile aus diversen Kollektionen der beiden Designer ausgewählt. Die werden dann zwar als Hartmann Nordenholz - Kollektionsteile mit Labelschildern kenntlich gemacht sein, doch Preisschilder sucht man vergeblich: Die Kleidungsstücke im Ausstellungsraum dürfen zwar angefasst werden, zum Verkauf wird jedoch kein Produkt angeboten. Auch die Schmuckdesignerin Sonja Bischur, die im Jahr 2000 für fünf Monate während eines Atelierstipendiums des BMUKK in Japan gelebt hat und ihren Schmuck auch dahin verkauft, hat ein besonderes Verhältnis zu dem Land. Sie habe dort unter anderem ein Buch über die japanische Tradition des Selbstmords („seppuku") gelesen und sich in ihren Arbeiten damals viel mit Tod und Krankheit beschäftigt.
Hier ist also plötzlich alles ganz nah beieinander im vermeintlich morbiden Wien - und auch der in reines Weiß getauchte Ausstellungsraum ist - so viel wird klar - tatsächlich viel mehr als ein banaler Concept-Store, denn, so Monika Nguyen: „Weiß ist der Raum deshalb, weil diese Farbe in Asien und daher auch in Japan für den Tod steht".
Tipp:
Die Ausstellung eröffnet am 15. Oktober von 19 bis 22 Uhr im
nadaLokal, Reindorfgasse 8, 1150, und ist anschließend bis 29. Oktober geöffnet.
Für Terminvereinbarungen:
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0664 / 40 64 740
Mode und Accessoires von:
Andrea Auer, Christina Berger, Claudia Rosa Lukas, Dimitrije Gojkovic, EDITH A’GAY, Hartmann Nordenholz, mangelware, modernmartyr, NATURES OF CONFLICT, Pia Mia, Sonja Bischur, superated, Wilfried Mayer
Text: Anne Feldkamp, Kunsthistorikerin. Mehr von ihr ist zu lesen auf ihrem Blog Blica.
Bilder © Monika Nguyen, Aokigahara - Suicidal Lifestyle
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