Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie sie sehen können
>
NEWSLETTER SIGN UP
CONTRIBUTE
Keep us informed about your current projects in Austria and beyond,
your group initiatives, collaborations, networks and research.
We welcome your contributions!
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie sie sehen können
Techno-Legende Jeff Mills im Gespräch über seinen Concept Store in Chicago
Selbst wenn Musik und Mode eng miteinander verbunden sind, stellt die "doppelgleisige" Vorgangsweise von Jeff Mills eine beeindruckende Ausnahme dar. Seit Ende der Achtzigerjahre ist er eine Grande im Bereich elektronischer Club-Musik und hat mit Underground Resistance und seinem Plattenlabel Axis Records immer wichtige Akzente gesetzt. Ganz nebenbei eröffnete er 2007 einen Modeladen in Chicago: Gamma Player ist also tatsächlich eine Unternehmung der besonderen Art. Wir haben einen Gig von Jeff Mills in Salzburg zum Anlass genommen, um ein wenig über die üblichen Grenzen von AUSTRIANFASHION.NET hinweg zu schielen und uns mit ihm über seine Arbeit im Mode- und Musikbusiness zu unterhalten
Wie ist es dazu gekommen, dass Sie nach zwei Jahrzehnten äußerst erfolgreicher Arbeit im Bereich elektronischer Musik Anfang 2007 Ihren Shop Gamma Player in Chicago eröffnet haben?
Für Mode habe ich mich seit meiner frühen Kindheit interessiert; meine Mutter hat als Model gearbeitet, ich bin in einem Haushalt mit vier Schwestern aufgewachsen - das hätte es zusätzlich schwer gemacht, um Mode herumzukommen. Als ich dann älter wurde und begonnen habe wegzugehen, wurde das noch stärker. Allerdings wollte ich nie selbst Designer werden. Und als ich meine Musikkarriere startete, Ende der Achtzigerjahre, haben wir mit Underground Resistance ziemlich früh mit Merchandise angefangen und zunächst Musik-T-Shirts gemacht. Das ist aber dann viel größer geworden. Übrigens habe ich immer gefunden, dass Design und Style wichtige Komponenten der ganzen Techno-Bewegung sind.
Underground Resistance hat einen zum Teil sehr strengen, militärischen Dresscode zum Teil der Performance-Kultur gemacht?
Vor Underground Resistance spielte ich in einer Industrial Band, da war dieses Element noch viel ausgeprägter. Der Einfluss kam also durch mich und mein musikalisches Vorleben. Die Merchandise ist dann mit der Zeit so groß geworden, dass der Bereich fast an unsere musikalische Produktion heranreichte.
Dabei ging es wahrscheinlich mehr um graphische Gestaltung als um Schnitte?
Es ging nur um Logos und Branding, natürlich. Kurz bevor ich 1992 Underground Resistance verließ, haben wir einen Katalog mit allen unseren Designitems herausgebracht: Das war auch für mich selbst beeindruckend. Als ich dann nach New York ging, wurde das Modethema wieder größer. Ich war mir sicher, dass ich, sollte ich ein Plattenlabel gründen, diesen Bereich von Mode, Design und Lifestyle unbedingt weiter verfolgen würde. Ich habe dann später, 1996 oder 1997 war das, selbst eine eigene Kollektion gemacht, die in Paris am Laufsteg gezeigt und eigentlich recht gut aufgenommen wurde.
Das war aber eine einmalige Unternehmung?
Ja, und ich hatte mich bis über beide Ohren damit übernommen; mir fehlte ja auch jede Erfahrung in dem Bereich. Also beschloss ich, wieder damit aufzuhören - mich langsam an die Mode heranzutasten, bis ich allmählich mehr über das Business wissen würde. Das nächste derartige Projekt, das ich mit meinem Label und meinen damaligen Partnern realisiert habe, waren temporäre Shops in Plattenlabels in Barcelona, London und Tokio. Dafür haben wir limitierte Serien von Designobjekten und auch Kleidung entworfen; diese Testläufe haben extrem gut funktioniert. Als wir dann nach Chicago zurückgekommen sind, haben wir diese Idee mitgebracht - und wollten zunächst einen Showroom eröffnen, wo wir Designer featuren, aber auch Musik und Bücher und andere exklusive Objekte verkaufen wollten. Wir haben aber bald gesehen, dass uns, abgesehen von der Musik, am meisten an der Mode lag. So begannen wir, neue, aufstrebende Labels einzukaufen, um sie nach Chicago zu bringen. Dieser Fokus auf junge Designer war unser grundlegendes Konzept.
Wo finden Sie die Designer und wie hat sich die Auswahl von Brands, die im Gamma Player verkauft werden, über die Jahre entwickelt?
Zunächst wollten wir das Terrain sondieren und schauen, wie weit wir mit solchen Labels gehen konnten. Chicago ist in Modedingen ein eigener Ort: Hier sind die Leute sehr konservativ angezogen, zurückhaltend in ihrer Kleiderauswahl. Wir wussten also von Anfang an, dass der Gamma Player eine Herausforderung war und dass es dabei auch darum ging, unsere Kunden zu erziehen; sie Brands schätzen zu lehren, von denen sie noch nie gehört hatten.
Wie kann man sich das logistisch vorstellen - fahren Sie auf die internationalen Modewochen, auf Tradeshows?
Uns ist auf jeden Fall wichtig, für die Männer- und Frauenkollektionen nach Paris zur Tranoï und zur Rendez-Vous zu fahren; meine Frau Yoko ist darüber hinaus in London, Mailand und Tokio - ich fahre gern zur Pitti Uomo nach Florenz. Und weil wir eine Wohnung in Berlin haben, schauen wir auch bei der dortigen Modewoche vorbei. Wenn wir etwas unbedingt haben wollen, das es nur in New York gibt, kann es sein, dass wir auch dorthin fahren.
Die Auswahl spiegelt Ihren persönlichen Modegeschmack wider?
Das tut sie, und weil ich durch meinen DJ-Beruf sehr viel reise, habe ich auch viele Gelegenheiten, Research zu betreiben. Auch in Salzburg habe ich mich ein bisschen umgeschaut.
Welchen Eindruck hatten sie?
Salzburg ist erstaunlich, weil es eine so kleine Stadt ist und es doch so viele Modeläden und Boutiquen gibt. Außerdem ist mir aufgefallen, dass viele kleine kleine Geschäfte überleben, die so aussehen, als gäbe es sie schon seit Jahrzehnten. Das ist sehr charmant, wirklich, und sie sehen auch sehr schön aus. Außerdem ist mir aufgefallen, dass viele der alten Damen, die man in der Stadt trifft, extrem gut angezogen sind. Also denke ich, dass auch das die lokale Mentalität widerspiegeln muss.
Um auf Ihren persönlichen Geschmack zurückzukommen - der ist ja nicht sehr Salzburgisch: Die Kollektionen in Ihrem Laden sind in ihrer überwiegenden Mehrheit sehr puristisch.
Als wir angefangen haben, hatten wir eine Wunschliste mit Designern und haben versucht abzuschätzen, wie eine Saison bei uns aussehen könnte - für einzelne Designer haben wir uns interessiert wegen bestimmter Farbpaletten, Silhouetten, Designansätze. Bevor wir also zu den Tradeshows fuhren, hatten wir schon eine Vorstellung davon, was uns interessieren könnte. Dieser Lernprozess hat sich über ein paar Saisonen hingezogen. Mit der Mode ist es wie mit der Musik: Mein Plattenlabel Axis betreibe ich seit über zehn Jahren, und dort funktioniert es auch so. Ich betreibe ausgehend von einer Idee viel Research, bevor ich mich hinsetze und die eigentliche Musik mache. Also war ich schon daran gewöhnt, Information zu sammeln, zu kategorisieren, manche Punkte herauszuarbeiten und sie als die zentralen Aspekte zu positionieren, auch für Promotion und Marketing.
Wofür steht "Gamma Player" eigentlich?
Das ist ein Songtitel von mir aus dem Jahr 1995, und damit meine ich "Cosmic Adventure": Die Vorstellung von jemandem, der durch das Universum reist, um etwas Neues zu entdecken.
Was halten Sie von der Soundauswahl mancher Designer bei ihren Defilees?
Manchmal passt die Musik ganz gut, manchmal weniger: Manche Designer haben offenbar verstanden, dass eine bestimmte Stimmungslage für ihre Ästhetik immer wieder gut passt und setzen Musik auf sehr einfühlsame, logische Weise ein. Einige legen auch Wert darauf, selbst die Musik auszusuchen - was meiner Meinung nach auch mehr Sinn macht, als einen DJ zu engagieren.
Gibt es auch Fälle, wo Ihrer Meinung nach die Musik überhaupt nicht mit der Ästhetik einer Kollektion zusammen passt, wo es einfach nicht stimmt?
Es gibt natürlich Unterschiede in der Arbeit eines Mode- und eines Sounddesigners. Es ist wichtig zu wissen, dass und wie Klänge und Akkorde und Frequenzen den Menschen wirklich nahegehen: Man braucht schon einige Erfahrung, um die Klangebene so einzusetzen, dass sie nicht die Aufmerksamkeit von einem anderen Aspekt abzieht. Nur jemand, der sich seit Jahren damit beschäftigt, schafft es, ein Publikum mit Musik nicht physisch zu stimulieren, weil es ja nicht um Tanz geht, sondern um bloßes Zusehen. Eigentlich habe ich bislang erst wenige Fälle erlebt, wo die Musikauswahl wirklich effizient war. Vielleicht ist das etwas, das mit den neuen, jungen Designern heranwächst.
Die Club-Kultur ist natürlich unheimlich wichtig für die Modeszene - manches sieht man auf der Tanzfläche Jahre, bevor es auf die Laufstege kommt.
Gerade DJs haben ja die besondere Gelegenheit, jüngere Menschen bzw. ein trendsensibleres Publikum aus der Nähe beobachten zu können. Über Jahre wurde dieses Wissen nicht wirklich genutzt - das hat erst unlängst angefangen; DJ Hell oder Miss Kittin zum Beispiel betätigen sich jetzt auch im Designbereich. Allmählich macht sich größeres Interesse an der Mode breit, oder wenn nicht an Mode im Konkreten - dann doch einer Möglichkeit, mit den Menschen auf andere Weise zu kommunizieren. Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft noch mehr Projekte dieser Art sehen werden.
Jeff Mills & Montpelier Philharmonic Orchestra-Gamma Player