
Alison Clarke spricht über Aspekte der Lokalitätsdebatte in Design und Mode
Als Professorin am Institut für Theorie und Geschichte des Design an der Universität für Angewandte Kunst ist Alison Clarke eine wichtige Instanz für reflektierte Stellungnahmen zur Entwicklung der Creative Industries. Im Gespräch mit AUSTRIANFASHION.NET erörtert sie ihre nuancierte Wahrnehmung der Lokalitätsdebatte in den Bereichen von Design und Mode und kommt so auf das weite Feld ortsgebundener Kreativkonstrukte zu sprechen. In diesem Rahmen zeigt sie positives Entwicklungspotenzial wie auch riskante Punkte auf. Dass selbst im Förderbereich nicht alles Gold ist, was glänzt, kommt dabei ebenfalls zur Sprache.
In einem unlängst in Die Presse am Sonntag publizierten Kommentar meinten Sie, Konstrukte wie "Pure Austrian Design" oder "Great British Design" seien irreführend. Kann es sein, dass die Mode anders funktioniert, dass hier Phänomene wie die "Antwerp Six" oder das Umfeld der "New British Fashion" wichtige Akzente gesetzt haben?
Zum Einen würde ich zwar sagen, dass solche Phänomene künstlich generiert werden, um Mehrwert durch die Betonung dieser Spezifizität eines kreativen Output zu erzeugen. Das Antwerpener Modephänomen wurde definitiv von bestimmten Institutionen finanziell gestützt. Dennoch funktioniert Mode tatsächlich anders, und zwar unter anderem wegen der Herstellungsprozesse, trotz der großen Zahl an globalen Produktionsstätten. Wahrscheinlich hängt an Mode dieselbe Politik wie an Produktdesign, so dass wir uns fragen müssen, bis zu welchem Punkt wir uns auf eine überholte Vorstellung von Landeszugehörigkeit berufen möchten. Andererseits vertrete ich da einen relativ konservativen Standpunkt und denke, dass in einem grundsätzlichen, menschlichen Sinn Mode auf unterschiedlichen Ebenen funktioniert. Ich habe lange darüber nachgedacht und möchte keine so essentialistische Aussagen treffen wie "Mode ist anders, weil Menschen sie tragen", aber das ist definitiv ein wichtiger Punkt. Mode ist lebendiger als Produktdesign, nuancierter, fließender und kann an einen konkreten Ort geknüpft werden. Ich glaube fest an die Bedeutung des Lokalen. In der Mode umso mehr, als ich finde, dass traditionelle Produktionstechniken hier mehr Gewicht haben.
In einem Essay für das letzte Look/Book von departure argumentieren Sie ohnehin, dass der Ort Wien mit Bedeutung aufgeladen sei. Ein Widerspruch zum Artikel in Die Presse?
Ich glaube tatsächlich, dass Wien eine sehr ausgeprägte Identität hat, viel mehr als andere Städte. Zum Beispiel können es sich die Menschen hier immer noch leisten, in der Stadt zu leben. Das bedingt natürlich eine andere Beziehung zum konkreten Ort, und es gibt eine Lokalkultur, die sich auf die kreative Praxis auswirkt. Was mich aber auf institutioneller Ebene besorgt stimmt: Wenn man sich darauf beschränkt, Modelle von außerhalb zu übernehmen, um Kreativität zu generieren, dann weist vieles darauf hin, dass diese Vorgangsweise zum genauen Gegenteil der beabsichtigten Resultate führt. Das kreative Gewebe wird dann unterminiert, weil viele Kreative ihre Förderanträge in unkreativer Weise einbringen. In meinem Artikel in Die Presse ist es mehr darum gegangen, wie man österreichische Designansätze unterstützen kann, ohne dabei essentialistisch vorzugehen, ohne der eigentlichen Kreativität Grenzen aufzuerlegen. Ich glaube, in Großbritannien ist das mit dem British Council sehr gut gelungen, weil dort eine sehr großzügig angesetzte Idee von britischem Design gefördert wurde. Dabei ging es weder um Blut, noch Boden, noch Namen, sondern um einen kreativen Ort, der nach außen offen ist.

Alison Clarke ist auch Editor-at-large bei dem Onlineprojekt Material World
Das heißt, bei bestimmten Fördermodellen oder Modi der Geldvergabe besteht die Gefahr, dass die Kreativen einer vorgeformten Vorstellung von Kreativität anhängen und so das Potenzial nicht zur Gänze ausgeschöpft wird?
Das könnte geradezu als neoliberale Aussage aufgefasst werden, in dem Sinne, dass Fördermaßnahmen für die Kreativindustrie in die falsche Richtung gehen. Ich meine auch überhaupt nicht, dass man bessere Resultate erzielt, wenn man auf freien Wettbewerb in den Creative Industries setzt. Ich finde nur, dass man sehr vorsichtig sein muss, nicht Modelle von außen zu übernehmen und damit ein künstliches Branding herbeizuführen. Bei AUSTRIANFASHION.NET geht es ja auch um die Vermittlung von österreichischer Mode, ohne dass dabei alle Modemacher als Avantgardisten abgestempelt werden. Das funktioniert im Rahmen einer Plattform, die auf der Ebene der Diversität operiert, und das finde ich sehr wichtig. Sobald man anfängt zu sagen, dieses oder jenes ist unser Rollenbild, das ist unser Markenzeichen, wird die Angelegenheit gefährlich, weil es dann keine sich organisch entwickelnde Kreativität mehr gibt. Ich würde also jedenfalls darauf achten, alle in Betracht kommenden Aspekte des Modeschaffens, wie Avantgarde und traditionelle Techniken zum Beispiel, zu schützen und zu unterstützen.
Bei AUSTRIANFASHION.NET wird ja versucht, durch Visibilisierung Synergien zu erzeugen, ohne doch eine Kollektivästhetik vorzugeben.
Solange keine gesamtösterreichische Ästhetik suggeriert wird, ist das auch wertvoll. Wenn es nur um ein paar Avantgardedesigner geht, dann ist österreichische Mode in dem Moment tot, in dem diese paar Designer aufhören, modisch zu sein. Eine Plattform für die Diversität von Designansätzen ist also sehr wichtig, und ich glaube nicht, dass hier ein falscher Ortsbegriff bedient wird. In einem Land wie Österreich, und das trifft bestimmt auch für Belgien zu, kann eine relativ kleine Gruppe einen ganzen Bereich kapern, sei es in der Architektur, der Kunst oder was immer. Denn es gibt ja wenig Wettbewerb, und genau da stellt sich analog zum Designbereich auch das Problem der Vergabe von Förderungen nach einem "Top Down"-Prinzip. Denn hier wird eine bestimmte Art von Arbeiten fortgeführt und unterstützt, die am Ende als der typisch nationale Output wahrgenommen werden, und das ist meiner Meinung nach Besorgnis erregend. Wichtig sind in der Mode die konstanten Widersprüchlichkeiten und Spielereien, Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen zwischen Projektionen von Ortschaften und realen Vorstellungen von Ortschaften und die Synergien zwischen globalen und lokalen Anliegen. Wenn das einmal aufhören sollte, wäre die Mode tot.

Bei "Home Cultures. The Journal of Architecture, Design & Domestic Space" fungiert Alison Clarke als Mitherausgeberin.
Im Abstract zu einem Slow Fashion-Forschungsprojekt stellen Sie die Frage, wie bestimmte Ortschaften bestimmte Zeitlichkeiten implizieren. Was ist damit gemeint?
Das hat mich fasziniert, seit ich nach Wien gekommen bin; in dem von mir mitorganisierten Symposion "The Death of Taste" ist es um solche Stätten von Kreativität gegangen, die durchaus in unterschiedlichen Zeitlichkeiten existieren. Zum Beispiel gibt es jemanden wie Susanne Bisovsky, deren Arbeit ultimativ ortsgebunden wirken könnte, die aber aus dem Lokalen zugleich an innovative, global funktionierende Vorstellungen von Stil anknüpft. Sie ist ein ziemlich extremes Beispiel. Vergleichbares findet sich aber auf der ganzen Welt, und das macht die anthropologische Nuanciertheit von Mode aus. Wenige von uns unterhalten eine enge Beziehung mit ihrer Badezimmereinrichtung, das ist viel eher eine "Top Down"-Beziehung. Mode ist "Bottom Up" - es geht um Menschen und darum, was Menschen tun.
Weil wir uns vermittels der Mode selbst in Szene setzen?
Oder weil Kulturen weiterhin ortsspezifisch funktionieren, was unsere Verhaltensweisen, unseren Habitus betrifft, der von einer globalen Markenkultur unbetroffen bleibt. Natürlich werden globale Bilder von globalen Medien manipuliert, aber sie gründen für die Mode doch in konkret verorteten Konzepten. Im Produktdesign ist das anders, dort gibt es nicht diese interaktive Beziehung. Als Jurymitglied bei Designwettbewerben habe ich in der Vergangenheit wiederholt die Frage aufgeworfen, woran ich "österreichisches Design" festmachen sollte, und die Organisatoren konnten mir keine Definition geben. Manche machen das an der Herkunft der Designer fest, was ich sehr verstörend finde - wer ein bisschen österreichisches Blut in sich trägt, ist automatisch ein österreichischer Designer? Mode hat dieses Problem weniger, weil es um die Unmittelbarkeit der Produktionstechniken und des Materials geht.
Wenn man sich andererseits die Avantgarde heimischen Modedesigns ansieht, spürt man bei vielen Designern eine zögerliche Haltung gegenüber der Möglichkeit, traditionelle, ortstypische Prozesse oder Ästhetiken zu reaktivieren. Geht es da um die Befürchtung, als konservativ abgestempelt zu werden?
Ich glaube, in Großbritannien gibt es ähnliche Befürchtungen hinsichtlich von allem, was "Qualität" impliziert, weil dort die Popkultur den Qualitätsbegriff ausgeschaltet hat. In Österreich gibt es nicht zuletzt eine nationalsozialistische Vergangenheit, die eine sehr eigentümliche und besetzte Beziehung zu allem Traditionellen bedingt. Wie eigentlich in ganz Europa wurden traditionelle Verfahren von der politischen Rechten gekapert. Andererseits überrascht es mich, aber hier spreche ich wohl aus einer sehr britischen Perspektive, dass sich die Avantgarde oft konservativer gebärdet als traditionelle Modevorstellungen oder -techniken. Auf eine sehr widersprüchliche Weise kann auch der Avantgardebegriff konservativ werden, und in kultureller Hinsicht geht es da um Snobismus. Österreich ist noch immer stark der Vorstellung verhaftet, dass Kultur der Elite gehört und dass also Mode, wenn sie etwas wert sein will, avantgardistisch sein muss. Dieses Problem gibt es in Großbritannien gar nicht. Und ich finde dass diese Vorgehensweise, also Mode intellektuell aufzuladen, um sie zu legitimieren und der Kunst oder der Architektur anzunähern, dass man damit irgendwo Zuflucht sucht. Es geht um den Gedanken, dass Hochkultur sehr exklusiv und seriös zu sein hat und sich nicht als offen darstellen darf - denn sobald etwas offen ist, büßt es seinen Status ein und hört auf, wertvoll zu sein.
Wie ließe sich das avantgardistische Elitedenken überwinden?
Meiner Meinung nach ist Elitismus eine allzu einfache Ausflucht und geht daran vorbei, worum es in der gegenwärtigen Welt geht. Wenn ich solche Sachen sage, wirft man mir angelsächsisches Denken vor. Das finde ich interessant, denn man scheint diesem Denken zu unterstellen, dass ihm zufolge Avantgardismen zu wenig unternehmerisch funktionieren würden und alles, was kein Geld abwirft, schief angesehen wird. Dabei geht es aber in meiner Modekritik überhaupt nicht, sondern ich finde natürlich, dass die Avantgarde wichtig ist - aber ich frage mich, wie lang wir noch sagen werden, dass Mode dann in Ordnung ist, wenn sie sich als Kunst darstellt, oder dass Kunst demokratischerweise die Mode in sich aufgenommen hat. Mode und Kunst haben doch immer in engem Kontakt gestanden. Ich meine, es gibt eine Selbstbewusstseinskrise, wenn Modedesigner meinen, dass sie ständig ihre Identität in Frage stellen müssen. Als es die Hearings für die Neubesetzung der Modeprofessur an der Universität für Angewandte Kunst gab, war ich schockiert, wie viele Kandidaten von sich sagten: "Ich bin kein Designer, ich bin Künstler."
Als ich nach den Hearings Wendy & Jim interviewt habe, zeigten sie sich darüber enttäuscht, dass für die Professur jemand von außerhalb geholt wurde. Andererseits ist interessant zu beobachten, dass regionale Einflüsse wie Tracht eher Spuren in der Arbeit von Bernhard Willhelm, Robert Geller oder Emma Bell hinterlassen, die ihre Kollektionen in Paris, New York und London erstellen.
Ich denke, wenn man von außen kommt, ist man selbstbewusster. Ich verstehe auch, wenn manche Designer sich hier zögerlich zeigen, weil es das Schlimmste ist, wenn man als introspektiv wahrgenommen wird. Bei den Hearings für die Modeprofessur war ich Teil eines Beirats und habe alle Kandidaten gefragt - wobei ich mir keine bestimmte Antwort erwartete, mir erschien aber die Frage an sich wichtig: "Es handelt sich um eine Stelle in Wien, ergibt sich also daraus irgendeine Besonderheit, ist die Verortung in Wien relevant oder irrelevant für den Job?" Und ich fand die Reaktionen interessant, denn die meisten zeigten sich sehr zurückhaltend und viele sagten, dass Mode heute ein golbales Phänomen sei und überall stattfinde; sie negierten die Relevanz des Ortes also völlig. Wenn das aber der Fall ist, warum gehen dann aus bestimmten Ausbildungsstätten bestimmte Arten von Mode hervor? Wie kommt es dazu, oder hängt das nur an der Person des Lehrenden? Ich glaube nämlich nicht, dass es nur an den Lehrenden hängt, sondern es gibt eine Beziehung zwischen einem Professor, den Studierenden, dem lokalen Kontext und der Modekultur. Interessanterweise haben die Kandidaten in diesem Punkt große Nervosität an den Tag gelegt. Ich hatte mir gar nicht erwartet, dass sie Wien als besonderen Ort wahrnehmen würden, aber wenn zum Beispiel ein Professor für Malerei von New York nach Wien käme - bin ich mir sicher, dass er sofort eine bestimmte Energie spüren würde, mit der sich arbeiten ließe. Wenn man aber das Gefühl hat, man geht einfach "irgendwo" hin... "Irgendwo" gibt es als Ort ja gar nicht.
Sollte auf ein zu schaffendes Bewusstsein für das Potenzial des Ortsspezifischen, zum Beispiel hinsichtlich der Produktionstechniken, schon an der Universität mehr Wert gelegt werden?
Natürlich. Dabei geht es darum - wie bei der Fashionalism-Bewegung, die es auf den Filippinen gibt - zu sagen, die globale Modeindustrie existiert und alle weltweiten Marken existieren, aber was lässt sich abseits dessen konstruktiv bewegen und wie können wir diese Mechanismen für uns nützen. Ich finde nicht, dass es eine Klasse von meisterlichen Werkstättenleuten braucht, das hat es in Österreich schon gegeben. Universitäten sind die Orte, wo solche Themen angesprochen werden können und wo sich Selbstbewusstsein aufgrund lokaler Traditionen entwickeln lässt, ohne Engstirnigkeit zu fördern. Denn Verständnis für den besonderen Wert des Lokalen bedeutet nicht automatisch Rückwärtsgewandtheit und Isolationsdenken.
Text: Daniel Kalt
Bilder: beigestellt/Screenshots
|
- Please keep the topic of messages relevant to the subject of the article.
- Personal verbal attacks will be deleted.
- Please don't use comments to plug your web site. Such material will be removed.
- Just ensure to *Refresh* your browser for a new security code to be displayed prior to clicking on the 'Send' button.
- Keep in mind that the above process only applies if you simply entered the wrong security code.
|