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Displaying Fashion

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Begegnungen von Mode und Kunst



In der Salzburger Galerie 5020 gelingt es sechs österreichischen Modedesignern innerhalb einer Präsentationsfläche mit neuen Konzepten die Grenzen zur Kunst aufzuheben und beim Betrachter eine  Intensität der Emotionen zu provozieren.


Wagt man einen Streifzug durch die Galerieräumlichkeit, so vermitteln die ersten Berührungen mit den Objekten den Eindruck entschwundener Körperlichkeit. Stoffe, die sich bewegt um Körperfragmente werfen, im Sand vergrabene Schmuckstücke, auf dem Boden drapierte Seidenmäntel. Vieles deutet auf Entschwinden, Flüchten, Verlassenwerden hin. Die Fragilität der Objekte intensiviert den Eindruck äußerster Verletzlichkeit des menschlichen Seins.
Wer verzaubert hier den Betrachter?


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Mit „Press Reset“ präsentiert Flora Miranda ihre Debütkollektion. Ihre Kleidungsstücke umspielen Körperformationen, die sie mit Wachsfetzen andeutet und deren Identität sie völlig offen lässt. Sie versucht dem Menschen die Freiheit zur Selbstbestimmung zurückzugeben und stattet ihn auf diesem Weg mit ihren Modellen aus. Mit der Verwendung von Silikon als stoffliches Material gestaltet sie Momentaufnahmen äußerster Bewegung: Der Mantel „I want to go“ schreitet durch die Luft, das „Spectre“ Kleid wirbelt durch die Galerie und das Ensemble „React“ scheint in den Boden zu stürzen. Loden aus alpenländischer Tradition, den sie mit Silikon überzieht, beschichtet und verwebt, mit schimmernden, reflektierenden Silikonfasern und schillernden Acrylatstäben vereint, dient der Künstlerin zur Verteidigung ihrer kreativen Freiheit, die sie sich mit „Press Reset“ selbst einräumt. Flora Miranda verlässt mit ihrer beeindruckenden Installation die Plattitüde der Mode und betritt den Raum der Kunst mit all ihren Spielräumen. Mag man politische Botschaften darin lesen können, wie etwa den Mantel „I want to go“ als Thermofolie für den Flüchtenden oder das „Spectre“ Kleid mit seinen Acrylatstäben zur Wahrung der körperlichen Distanz interpretieren. Ergänzt werden die Modelle durch an der Wand fixierte Masken mit weit aufgerissenen Mündern, die einen Verzweiflungsschrei auszustoßen scheinen.


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Bei Lena Kvadrat wird der Betrachter in die Zukunft versetzt und bekommt rückblickend eine längst entschwundene Kultur im musealen Kontext zu sehen. Accessoires aus der Massenkultur werden zunächst durch Weiß/Schwarzfärbungen entfremdet, dadurch aufgewertet und in Vitrinen inszeniert. Eine umgestaltete Designerbrille, als Exponat ausgestellt, definiert die Künstlerin in der Infotafel als „Sehbehelf dieses Stammes, adaptierter Sonnenschutz, weiß besprüht, Spitfire-Tal nahe Londen (UK). Ca. 2016 nach unserer Zeitrechnung, aus privatem Nachlass.“. Parallel lässt sie ein Video laufen, in dem in einem archäologischen Ausgrabungsprozess Accessoires aus Sand freigelegt werden. Massenkultur, Designerstücke und Alltagsgegenstände werden in ihrer Bedeutung hinterfragt und persifliert.


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Edwina Hörl verflechtet aktuelle Diskurse mit textiler Gestaltung. Mode ist für sie eine performative Möglichkeit um zu zeigen, dass man sich selbst bewegen muss, um andere zu bewegen. Die gesellschaftspolitischen Ideen und Aussagen stecken zwischen Schnitt und Faden. Die Konzepte von 20 Jahren verpackt sie in einem Kubus und kreiert somit ihre eigene Retrospektive. Herausgegriffen sei die Kollektion „tan tan tan, run run run“ mit der sie die großen Wanderungsbewegungen und die Mitgrationsdynamik thematisiert; die Modelle können gleich von der Stange weg erworben werden. Kleidungsstücke, die wie Zelte Obdach bieten und uneingeschränkte Beweglichkeit zum Überschreiten von Grenzen einfordern, dehnbare Riesenbeutel für die essentiellen Dinge der Wanderschaft- eben mehr als das Kleidungsstück verfolgt Edwina Hörl harte gesellschaftspolitische Fragestellungen und gibt ihnen in ihrer Kollektionen verschlüsselte Bedeutungen.


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Spätestens bei Anna-Sophie Bergers Installation wird der Betrachter in eine tiefe, emotionale Ebene entführt, die ihn in die Erlebnissituation des Dargestellten hineinzieht: zwei durchnässte, transparente Seidenmäntel vermitteln das Entschwinden, vielleicht sogar Verlorengehen von Menschen, deren einziges Relikt das zurückgelassene Kleidungsstück scheint. Die Titelgebung „she vanished“ deutet auf eine weibliche Person hin. Die Entschwundenen liegen mit dem Kopf nach unten und ausgestreckten Armen in hoffnungsloser, auswegloser Position. Möglicherweise lässt sich eine erschreckende Assoziation zu im Mittelmeer ertrunkenen Bootsflüchtlingen herstellen. Eine bewußt inszenierte Anonymität muss zwingend jeden Betrachter zum Opfer transformieren. Der minimalistische Eingriff der Künstlerin selbst führt die Entkörperlichung bis an die äußerste Grenze. Die letzte Gewandung transportiert keine klassische Modefunktion, sie verweist auf die Vergänglichkeit jeglichen Lebens und lässt dem Besucher seidene Hüllen zurück.

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Johannes Schwaigers collagenhafte, textile Wandinstallation „Sample Schlaufe Themaverfehlung“ spielt mit dem Instrument des textilen Musterkataloges, der Ausgangspunkt des kreativen Schaffensprozesses in der Mode ist. Fransen, Stofffetzen, selbst bedruckt oder massenproduziert, mehrfach übereinandergeschichtet, bilden eine klassische Stoff-Mustermappe und stellen den Betrachter an den Beginn des Prozesses einer Kollektionsentwicklung: Der Betrachter wird selbst zum kreativ Schaffenden. „Sample Schlaufe Themaverfehlung“ entschlüsselt die Lust des Künstlers, sich selbst eine Falle zu stellen: eine Herrenkollektion mit untypischen, ungeeigneten Stoffmustern landet, bildhaft festgemacht, als kubistisch anmutendes Objekt an der Wand und bleibt dort festgeschrieben.


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Die Zeichenserie „Bra Series“ von Hanna Weichselbaumer behandelt das wohl am häufigsten getragene, gleichzeitig aber verborgenste Kleidungsstück der Weiblichkeit in einer äußerst humoristisch provokanten, Sketch-ähnlichen Präsentation. Sie bespielt mit ihren kleinformatigen Arbeiten eine Galeriewand, um den Widerspruch von Nützlichkeit und Funktionalität des Kleidungsstückes einerseits und Stiliserung zum fiktiven Sexualobjekt durch Täuschung nicht realer Volumina andererseits zu thematisieren.


Auf kleinstem Ausstellungsraum gelingt es, die Kategorisierung von Mode und Kunst aufzuheben, bei Lena Kvadrat und Hanna Weichselbaumer in humoristischer Weise, bei Flora Miranda und Anne-Sophie Berger in emotionaler Berührung, bei Edwina Hörl in konzeptueller, gesellschaftspolitischer Weise und schließlich bei Johannes Schwaiger in einer Aufforderung zur kreativen Umsetzung.


Die Ausstellung Displaying fashion, displaying art ist noch bis 25.06.2016 in der 

Galerie FÜNFZIGZWANZIG 

Residenzplatz 10, 2.Stock

5020 Salzburg zu sehen.

http://galerie5020.at



Text:
Lisa Leutner, Kunsthistorikerin


Alle Fotos ©Galerie 5020, Alfons Sonderegger









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